Beitrags-Archiv für die Kategory 'Lehre & Studium'

Der Stein ist ins Rollen gebracht …

Montag, 26. April 2010 15:05

Die ePortfolio-Arbeit ist in den letzten Jahren im Bereich des akademischen eLearnings schon fast zu einem Trendthema geworden. Seit fast zwei Jahren beschäftige auch ich mich aus mediendidaktischer Perspektive näher mit dieser Thematik, weil sicher in der Auseinandersetzung damit zugleich zentrale Fragestellungen zum veränderten Lehren, Lernen und Prüfen “im Sinne von 2.0″ gut untersuchen lassen.

Im letzten Wintersemester (2009/10) habe ich das erste Mal selbst mit ePortfolios in der alltäglichen akademischen Lehre in der Medienpädagogik gearbeitet, d.h. in einem eher “klassischen” Mittelseminar, zu einem eher “klassischen” Thema (“Ansätze von Medienkompetenz und -bildung”), mit regulären Studierenden (Diplom/Magister) im Hauptstudium unter den üblichen universitären Bedingungen (in der Regel wöchentliche Seminarsitzungen; zusätzliche Einbindung der universitären Lernplattform; Vergabe von “Scheinen” zum Schluss der Veranstaltung), etc. Einige der Studierenden haben freiwillig als alternative Form des Leistungsnachweises ein ePortfolio in Form eines Weblogs (mit Wordpress) zum Thema geführt. Die (medien-)didaktischen Erkenntnisse aus diesem ersten Durchlauf sowie die Ergebnisse der kleinen explorativen Studie, die ich begleitend durchgeführt habe, verschriftliche ich gerade systematisch und werde diese auch im Rahmen meines Vortrags auf der kommenden ECER-Konferenz in Helsinki vorstellen.

In diesem Seminar konnte ich wichtige Erfahrungen für die Gestaltung von Lernumgebungen mit ePortfolios als alternative Methode der Leistungsbewertung machen. Als wesentliche Punkte haben sich für mich die folgenden herauskristallisiert, die m.E. alle sehr stark mit einer klaren und für die Studierenden nachvollziehbaren Struktur des didaktischen Szenarios zusammenhängen:

  • Rolle der Lehrenden als Lernprozessbegleiterin und -prüferin
  • Festlegung von Lern- und Bewertungsphasen
  • Betreuung
  • Verbindlichkeit
  • Wertschätzung
  • Offenheit & Neugierde
  • Freiheit für Schwerpunkte/Interessen der Studierenden
  • Form, Funktion sowie Quantität und Qualität von “Artefakten” (Wahl- und Pflichtbeiträge)
  • Transparenz
  • Mehrarbeit (muss als Mehrwert ersichtlich sein)
  • Technik

Diese ersten Erfahrungen konnte ich jetzt in die Implementierung der ePortfolio-Arbeit in den kompletten Studienschwerpunkt Medienpädagogik im BA Erziehungswissenschaft der Universität Mainz einbringen und weiter entwickeln. In diesem Semester haben knapp 20 Studierende Medienpädagogik als vertiefende Studienrichtung als eine von fünf für die letzten 3 Semester in ihrem BA-Studium gewählt. Sie werden in diesem Schwerpunkt auch ihre BA-Arbeit verfassen, worauf das ePortfolio vorbereitet und hinführt.

Der Rahmen für die Einführung der ePortfolio-Arbeit ist hier relativ günstig, da zeitgleich eine Restrukturierung von Lehre in BA-Studiengängen am Beispiel dieser Studienrichtung erprobt wird. Dieses geschieht im Rahmen des Projekts “ZeitLast“. Wir sind insgesamt vier Lehrende (Stefan Aufenanger, Petra Bauer, Lena Groß und ich), die ihre vier Lehrveranstaltungen gemeinsam geblockt haben und dieses Semester zusammen gestalten. Grob sieht das Szenario so aus, dass es zwei feste Präsenztermine in der Woche mit dazwischen liegenden Selbststudienphasen gibt. Die Studierenden nähern sich einerseits projektorientiert der medienpädagogischen Praxis, andererseits erarbeiten sie sich in Phasen auch theoretische Zusammenhänge. Von uns Lehrenden wird jeweils eine thematische Phase gestaltet (Mediensozialisation, Medienkompetenz u. -bildung, Medienerziehung u. -praxis sowie zur Forschung); zusätzlich gibt es gemeinsame Termine für alle – wie in einem Workshop, nur über einen längeren Zeitraum ;-) .
Das ePortfolio (in Form eines Weblogs mit Wordpress erstellt) soll eine Art “persönlicher roter Faden” auf Seiten der Studierenden über die unterschiedlichen Themenphasen hinweg darstellen. Von Seiten der Lehrenden wird das Semester über einen gemeinsamen Kurs auf der Onlineplattform “moodle” gestaltet.
Die Betreuung durch uns Lehrende im Rahmen des Studienschwerpunkts erfolgt im Sinne eines Mentorenprinzips, d.h. jede/r von uns betreut eine kleine Gruppe von Studierenden über das ganze Semester. Daneben soll es Phasen des Peer-to-Peer-Tutoring und ein Tandemprinzip geben.

Letzten Donnerstag habe ich den Studierenden unsere Idee der ePortfolio-Arbeit vorgestellt und erläutert und Sie wurden von einer Tutorin in die Arbeit mit Wordpress eingeführt. Im Moment richten Sie ihr ePortfolio ein und schreiben am ersten Beitrag.

Zielvorstellung ist, dass die Studierenden des Schwerpunkts Medienpädagogik mit Hilfe Ihres ePortfolios gezielter ihren inhaltlichen Platz in der Medienpädagogik bzw. ihren Schwerpunkt finden können. Studiengangsbezogen bestehen die Erwartungen u.a. darin, dass sich die Studierenden über Zwischenschritte und Umwege bewusst(er) auf ihr Praktikum und ihre BA-Arbeit vorbereiten können, schon frühzeitig ihren Interessen folgen können und damit insgesamt motivierter und erfolgreicher studieren.

Die nächsten Wochen werden zeigen, inwiefern sich unsere Erwartungen erfüllen und wohin die Entwicklungen gehen werden …

Thema: Ideen & Konzepte, Lehre & Studium | Kommentare (2) | Autor: mayrberger

Förderung von “guter Lehre” und/mit eLearning durch die “richtige” Haltung?

Montag, 9. November 2009 19:39

In der letzten Woche habe ich an zwei Veranstaltungen teilgenommen, die zwar nacheinander und an anderen Orten stattfanden, aber im Nachhinein eine klare Schnittmenge haben: Einmal war es am Mittwoch der Workshop “Was ist gute Lehre” des Hochschulevaluierungsverbundes Südwest an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz und von Donnerstag bis Freitag die Herbsttagung der Kommission Medienpädagogik in der DGfE zum Thema “Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung: Bildungs- und Lernprozesse mit (digitalen) Medien in der Schule und medienpädagogische Professionalisierung.”

Die erste Veranstaltung fokussierte die Verbesserung von Lehr- und Lernprozessen in der akademischen Lehre. Die andere u.a. Bedingungen und Faktoren, die die erfolgreiche Integration von neuen Medien in Lehr- und Lernprozesse in Schule und Hochschule. Die Überschneidung lag für mich darin, dass es beiden Veranstaltungen bzw. Teilen davon, explizit um “gute Lehre” und Professionalisierungsprozesse ging. Verändertes Lehren und Lernen wurde hier plakativ an den Forderungen “Shift from teaching to learning” und “From Sage on the Stage to Guide on the Side” festgemacht. Konkret lassen sich hier sehr gut parallelen zwischen dem Eröffnungsvortrag von  Prof. Dr. Wolff-Dietrich Webler (Institut für Wissenschafts- und Bildungsforschung Bielefeld) einerseits und den Keynotes der Herbsttagung andererseits ziehen – hier besonders bei den Beiträgen rund um die SITES-Studie (SitesM2 und SITES2006) sowie den Folgestudien am Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung.

Dabei ist mir eine Gemeinsamkeit besonders aufgefallen, die ich hier kurz skizzieren möchte: In beiden Veranstaltungen wurde den “angemessenen” Haltungen und Einstellungen von Lehrenden eine wichtige Rolle beigemessen. Auf der Herbsttagung hatte das Habituskonzept von Pierre Bourdieu Konjunktur und alle größeren empirischen Untersuchungen verwiesen darauf, dass es ein “Mehr” bedürfe, um nachhaltige Veränderungen zu erreichen (vgl. dazu z.B. den Vortrag von Birgit Eickelmann, TU Dortmund “Empirische Befunde zur nachhaltigen Implementierung digitaler Medien in Schulen”). Es wurde auf Modelle Bezug genommen, die für Veränderungsprozesse neben der Technik und den Kompetenzen auf Seiten der Lehrenden auch den Willen oder die Motivation hervorhoben.

Das passte wiederum zu dem Tenor des Workshops am Mittwoch, an dem Webler gar eine Zusammenstellung zum “Erwerb für die Lehre förderliche Einstellungen und Haltungen” vorlegte, aus denen ich ausgewählte Aspekte zitiere:

  • “Respekt vor Studierenden als jungen Erwachsenen in einem spezifischen Entwicklungsstadium;
  • anhaltendes Interesse, Entwicklungsprozesse von Menschen zu fördern (über die Vermittlung lediglich von Stoff und Fach hinaus; Bereitschaft zur Hilfe
  • anhaltendes persönliches Interesse an beruflichen Qualifizierungsprozessen und an deren Anleitung
  • Bereitschaft die wiss. Verhaltensweisen nicht nur zu lehren, sondern zu leben
  • In dem pädagogischen Spannungsfeld zwischen Fördern und Auslesen vor allem zu fördern
  • …”

Diese Liste kann man sicherlich noch erweitern und spezifizieren. Doch sie macht recht deutlich, dass es neben Fachkompetenzen, didaktischer Kompetenzen etc. ein “Mehr” braucht, um dem heutigen Anspruch einer subjektorientierten und kompetenzorientierten Lehre gerecht zu werden und als Lehrperson authentisch zu bleiben. Auch im eLearning ist es förderlich und sogar sinnvoll, wenn sich erst eine veränderte Sichtweise auf Lehren und Lernen einstellt (wozu auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Lehrpersönlichkeit zählt) und dann geschaut wird, welche aktuellen Medien dazu beitragen können, die eigenen didaktische Ideen (besser) zu realisieren (vgl. auch meine Überlegungen zu Lehren 2.0).

Was ich in der Podiumsdiskussion auf dem Workshop in Mainz als einen interessanten und provokativen Punkt – der allerdings nur kurz zum Schluss angesprochen wurde – mitgenommen habe, war die Frage danach, inwiefern man sich damit zufrieden geben müsse, dass es eben “gute Lehrende” gäbe mit der “richtigen” Einstellung und solche, “bei denen Hopfen und Malz verloren wäre”. Im Kontext von eLearning wird hier mit nicht ganz so direkter Konnotation gerne das Modell von Rogers “Diffusions of Innovations” zitiert, dem auch implizit ist, dass es da immer einen “Rest” gibt, der nicht überzeugt werden kann oder nur schwer zu überzeugen ist (“Laggards”).

Die Frage, die mich dann nach den beiden Veranstaltungen (wieder einmal) beschäftigt hat – gerade im Zuge der Diskussion um Professionalisierungsbestrebungen von Hochschullehrenden und in der Lehrerbildung – ist, inwiefern man über “mäßige” Lehre in Schule und Hochschule bzw. in formalen Bildungseinrichtungen einfach hinweg gehen darf? Oder kann man sich als Lehrende/r mittlerweile damit herausreden, dass die Verantwortung für den eigenen Lernprozess ja zunehmend bei den Lernenden liegt?

Nach wie vor denke ich und dazu hat im vergangen Jahr die kollegiale Auseinandersetzung am ZHW zum Qualitätsmanagement einen wesentlichen Beitrag geleistet, dass man “gute Lehre” ebenso berechtigt “einfordern” wie “fördern” kann und sollte … und letztlich auch den didaktisch begründeten Einsatz von digitalen Medien in Lehr- und Lernprozessen. In diesem Sinne sollte es auch möglich sein, Haltungen und Einstellungen von Lehrenden nach und nach durch Überzeugungsarbeit zu verändern. Oder überwiegt da doch der Idealismus?

Thema: Fragen, Lehre & Studium, Position, Veranstaltung | Kommentare (1) | Autor: mayrberger

“Lehren 2.0″

Mittwoch, 12. August 2009 14:27

Im Juni hatte ich im Blogeintrag “2.0″ als Chance für die akademische Lehre plausibel zu machen ist und bleibt eine Herausforderung einige Punkte referiert, die im Kontext von Lehren und Lernen im Sinne von 2.0 ernst zu nehmen und zu bedenken sind und (nicht nur) für die medien- und hochschuldidaktische Fort- und Weiterbildung im Bereich eLearning in der Hochschule besonderes relevant erscheinen.

Hintergrund hierfür waren die ersten Eindrücke der Auftaktveranstaltung eines Blended Learning-Workshops. Mittlerweile ist sowohl die Onlinephase als auch die Online-Abschlussveranstaltung vergangen und damit ein guter Zeitpunkt nochmals zurück zu blicken und auf exemplarische Herausforderungen einzugehen – sowohl auf Grund der gemachten Erfahrungen meinerseits als auch unter Zunahme von Punkten die im Rahmen der Veranstaltung durch die Teilnehmenden verstärkt diskutiert oder zum Abschluss rückgemeldet wurden. Da es sich bei den Teilnehmenden zugleich um Lehrende handelt, überwiegt naturgemäß die Auseinandersetzung mit der medien- und hochschuldidaktischen Perspektive auf die Gestaltung entsprechender Lernumgebungen und der eigenen (sich in der Regel dann ändernden) Rolle als Lehrende innerhalb dieser.

So haben die Teilnehmenden zum Abschluss der Online-Phase Aspekte zusammen getragen, die auf Grund ihrer gemachten Erfahrungen in dem Workshop dazu beitragen (können), dass man sich als Lernende/r eher motiviert und aktiviert fühlt und damit zugleich beschrieben, was sie für wichtige Aufgaben der Lehrperson im Rahmen von Blended Learning halten. Hier wurde vor allem deutlich, dass ein aktiver Part der Lehrenden (gerade bei Lernenden, die noch Anfänger/innen im Umgang mit Online-Tools sind) auch bei offenen Szenarien notwendig ist und eingefordert wird, z.B. regelmäßige Feedbacks geben, regelmäßig motivieren und aktivieren durch (Kurz-)Nachrichten, das setzen von und erinnern an Fristen sowie die persönliche Ansprache, wo es angebracht erscheint. Zugleich aber auch das Problem der Abgrenzung gesehen wird, d.h. wie häufig will ich betreuen, moderieren, motivieren, aktivieren etc. und auf der anderen Seite das “Zeitproblem” der Lernenden, dass man auch andere Dinge neben dem Onlinekurs zu tun hat und evtl. nur das Nötigste erledigt und sich minimal einbringt. Zudem war es den Telnehmenden wichtig, dass die Lerngegenstände einen persönlichen Bezug ermöglichen, wie z.B. der Entwurf und die Erprobung eigener Blended Learning Szenarien(-ausschnitte) und es motiviert, sich bei Peer-to-Peer Feedbacks  einzubringen, wenn man etwas von den anderen lernt oder mitnehmen kann (z.B. methodische Ideen, Möglichkeiten der Einbindung von Web 2.0-Tools in unterschiedlichen Kontexten). Nicht zuletzt ist für die Motivation eine gute technische Einführung (Förderung von Medienkompetenz) in die verwendeten Anwendungen und Werkzeuge notwendig, zugleich aber auch die Offenheit für die kritische und konstruktive Diskussion von Lehren und Lernen im Netz (z.B. Datenschutz, Persönlichkeitsrechte, Urheberrecht, Kommerzialisierung/Werbung). Ebenso wird die Nachvollziehbarkeit der Auswahl von bestimmten Tools für das Szenario und weshalb man sich als Lernende/r (z.T. zusätzlich) damit auseinandersetzen sollte (in diesem Fall Adobe Connect, Wiki, Forum, Twitter und klassisches Mail) als relevant angesehen, also wie sinnvoll dass ganze Szenario subjektiv für den eigenen Lernprozess erscheint.

Nach nunmehr drei Workshops zum Themenfeld “Lehren und Lernen 2.0 in der Hochschule” innerhalb des letzten Jahres hat sich für mich gezeigt, dass es, wie sich in ähnlicher Weise auch schon in anderen Projektkontexten  bestätigt hatte (z.B. im Rahmen der diskursiven und partizipativen Strategie von KoOP), folgende Punkte sind, die Lehrende motivieren (können), ihre akademische Lehre mit digitalen Medien bzw. Social Software alternativ zu gestalten und damit zu verändern:

  • Beispiele vorgestellt zu bekommen und nachvollziehen zu können und diese kritisch zu diskutieren
  • selbst tätig zu werden und Werkzeuge auszuprobieren
  • aus der Perspektive der bzw. des Lernenden eigene Erfahrungen im Sinne von Lernen 2.0 zu machen
  • am eigenen Szenario zu arbeiten und die Inhalte sofort zu transferieren und damit selbst betroffen zu sein
  • Akzeptanz für die Veränderung von akademischer Lehre zu schaffen und die Möglichkeiten, dieses selbst zu tun

Was mir in diesen Veranstaltungen wieder deutlich wurde – gerade weil a) die 2.0-Tools immer vielfältiger und zahlreicher werden und zum Ausprobieren einladen und b) die Teilnehmenden vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Disziplinen spezifische Szenarien entwickelt haben – sind in erster Linie die folgenden Punkte:

  • “Neues Lernen mit neuen Medien” wörtlich zu nehmen, d.h., dass es erstens um die Veränderung von Lehren, Lernen und Prüfen gehen muss und damit einhergehend die Bereitschaft der Lehrenden und Lernenden (idealerweise auch auf Seiten der Organisation) sich und ihre Lehre ebenfalls zu verändern und erst im zweiten Schritt zu fragen, in welcher Form digitale Medien angestrebte Veränderungen (im jeweiligen Fach) unterstützen oder im besten Fall erst ermöglichen können (Stichwort “Primat der Didaktik”)
  • Auch eine Lernumgebung (in formalen Kontexten), die im Sinne von 2.0 gestaltet ist, braucht sinnvolle und angemessene Phasen sowohl der Konstruktion als auch der Instruktion (Stichwort “Didaktischer oder gemäßigter Konstruktivismus”)
  • “Lehren 2.0″ ist ein (lebens-)langer Prozess und hat auch etwas mit professioneller Gelassenheit zu tun (Stichwort: “Didaktische Innovationen brauchen Zeit”)

Vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen der letzten Jahre in Forschung, Entwicklung und Praxis komme ich im Moment zu dem Schluss, dass die persönlichen Haltungen und Einstellungen sowohl auf Seiten der Lehrenden als auch der Lernenden der Anknüpfungspunkt für weitere Veränderungsprozesse sind, um die sich bietenden Möglichkeiten des sich stetig ändernden Netzes für ein Lehren und Lernen im Sinne von 2.0 zu nutzen und auszuschöpfen. Dazu zählen für mich – wenn man das Konzept des Web 2.0 ernst nehmen will und das Subjekt in das Zentrum der Lehre stellt – besonders Aspekte wie “Authentizität”, “Wertschätzung” und “Vertrauen” im gemeinsam gestalteten Lehr- und Lernprozess, aber auch ganz traditionelle Konzepte wie die “Subjektorientierung”, “Handlungsorientierung” und das “Lernen am Modell” – auch im Sinne von “walk what you talk”.

Diese vorläufigen eher grundlegenden (und im Grunde auch nicht neuen) Erkenntnisse stellen momentan (m)eine (didaktische) Grundlage dar, für die weitere Auseinandersetzung mit spezifischen Fähigkeiten, die die Gestaltung von Lernumgebungen bzw. Lernlandschaften im Sinne von “Lehren und Lernen 2.0″ heute von Lehrenden verlangt. Abgesehen von erweiterten medienbezogenen Kompetenzen stellt sich für mich die Frage, ob aus (medien-)didaktischer Perspektive auch in formalen bzw. institutionellen Lernkontexten nicht neue Aspekte hinzukommen müssten (und die oben aufgezeigten Erfahrungswerte doch noch zu kurz greifen) und es sich eben nicht tendenziell um “alten (didaktischen) Wein in neuen (technisch unterstützten) Schäuchen” handelt und sich der Schwerpunkt der (medien-)didaktischen Diskussion und damit einhergehend methodischen Auseinandersetzung lediglich verlagert?

Anregend finde ich zu diesem Thema die Antworten auf “The big Question” vom Juli diesen Jahres im LC Blog:

New Skills and Knowledge for Learning Professionals? – In a Learning 2.0 world, where learning and performance solutions take on a wider variety of forms and where churn happens at a much more rapid pace, what new skills and knowledge are required for learning professionals?

Wie sehen das andere?

Thema: Forschung, Fragen, Lehre & Studium, Reflexion | Kommentare (1) | Autor: mayrberger

“2.0″ als Chance für die akademische Lehre plausibel zu machen ist und bleibt eine Herausforderung

Sonntag, 21. Juni 2009 2:05

Vergangenes Wochenende fand der erste Teil meines Blended-Learning Workshops zu “Social Software in der Hochschullehre” im Rahmen des MoHE am Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung statt.
Wie immer ist es eine Bereicherung mich mit interessierten und zugleich anspruchsvollen Teilnehmenden des Studiengangs, die zugleich Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichsten Fächern sind, über die Chancen und Grenzen der Integration von digitalen Medien in die akademische Lehre allgemein und hier im besonderen von Social Software auszutauschen.
Trotzdem die Vorkenntnisse, Erwartungen und Bedürfnisse der Teilnehmenden relativ heterogen waren, haben wir uns sowohl einen ersten Über- bzw. eher Einblick in die Tools verschafft und diese erprobt, als auch zentrale Punkte ansprechen können. Zum Teil wurde – trotz oder gerade auf Grund des hohen Anteils an Noviz/innen im Workshop – “der Finger in die Wunde gelegt”, d.h. es wurden auch Themen und Fragen angesprochen, deren mögliche “Lösungen” auch zur Zeit noch innerhalb der Fachcommunity diskutiert werden.

Einige dieser Aspekte notiere ich hier als Fragen, um auch weiterhin im Blick zu behalten, womit sich (nicht nur junge) Lehrende auseinander setzen:

  • Mehrmals wurde gefragt: Inwiefern stehen Aufwand und Nutzen der Integration von neuen Medien bzw. der Umsetzung von eLearning in einem adäquaten Verhältnis? Lohnt es sich, z.B. die knappe Zeit als Promovendin in aufwändige Lehre zu investieren statt in Forschungsprojekte?
  • Wo erhalte ich klare Handlungsempfehlungen her, wie Szenarienübersichten für unterschiedlichste Einsatzmöglichkeiten, Toolempfehlungen für konkrete Kontexte etc.?
  • Wie kann ich mit Widerständen im Kollegium oder bei den Studierenden gegenüber ungewohnten Lehr- und Lernmethoden (mit und ohne digitale Medien) umgehen?
  • Wie verändert sich meine Rolle als Lehrende/r im Zuge von “2.0″ – wie verändert sich das Verhältnis von Nähe und Distanz (Sollte ich z.B. jede “Freundschaftsanfrage” von Studierenden in eine Online-Community konsequenterweise angenommen werden? Wie erreichbar muss ich sein – 24/7? )? Wo bzw. habe ich als Lehrende meine persönliche Grenze?
  • Wie gehe ich mit Tools auf dem Web 2.0-Markt um, hinter denen ökonomische Interessen stehen (Sammlung von persönlichen Daten zu Marketingzwecken etc.)?
  • Wie gehe ich mit rechtlichen Aspekten um? Wie pragmatisch kann und will ich in dieser Hinsicht sein?
  • Lehre im Sinne von 2.0 heißt auch, die “Türen des Klassenraums zu öffnen”(z.B. in Form von Vorlesungsaufzeichnungen via Podcasting) – Wie gehe ich damit als Lehrende/r um?
  • Sind die Studierenden technisch so fit, wie behauptet wird? Wollen sie eLearning in seinen Varianten überhaupt?
  • Wie kann man Studierenden, die zunehmend in eine Konkurrenzsituation stehen (nicht nur um die späteren Arbeitsplätze, sondern z.B. auch um die begrenzten MA-Studienplätze) zum kooperieren und (halb-)öffentlichen Publizieren anregen und überzeugen?
  • Wie kann ich die Qualität der Inhalte (“User generated Content”) unterstützen und gewährleisten? Wie gehe ich mit Plagiaten um?
  • Kann ich Studierenden “zwingen” (z.B. qua Leistungsnachweis) ihre Inhalte ins öffentliche Netz zu stellen? … oder sich einen Account bei einem kommerziellen Anbieter einzurichten?
  • Wie kann ich die Lernenden motivieren, sich bei dieser Form des Lernens zu engagieren?
  • Wie kann ich die Online-Kommunikation und Partizipation fördern?
  • Reichen die technischen und auch personellen Ressourcen vor Ort aus?
  • Welche Implementierungsstrategien gibt es?
  • Inwieweit handelt es sich bei Social Software nicht um die “nächste Sau, die durch das Dorf getrieben wird”?
  • Wie gehe ich mit dem Widerspruch von eLearning 2.0 und den strukturellen Rahmenbedingungen an der Universität um (Fachkultur, Organisation, Vorgaben im Rahmen der BA etc.)?

Einige der Fragen haben wir ausführlicher besprechen können, andere konten wir nur anreißen und gemeinsam ein Spektrum an Handlungsmöglichkeiten erarbeiten. Bei einigen Fragen wurde in der Diskussion auch deutlich, dass es sich hier um die persönliche Haltung und Einstellung zum Lehren 2.0 handelt. In jedem Fall führten die Auseinandersetzungen dazu, dass einige mit neuen Impulsen und Reflexionen in die Online-Phase gegangen sind.

Zwar nehmen Praxiserfahrungen, empirische Untersuchungen und “best practice”-Beispiele deutlich zu (vgl. u.a. das Themenspecial zu Web 2.0 auf e-teaching.org oder ausgewählte Publikationen der GMW-Buchreihe “Medien in der Wissenschaft” oder der zeitschrift für e-learning), doch gibt es eben nicht DIE Handreichung, DAS Szenario und DIE Checkliste etc., um die Integration von digitalen Medien in die akademische Lehre (nicht nur im Sinne von 2.0) erfolgreich unter Berücksichtigung des jeweiligen fachspezifischen Kontexts und der  Fachkultur zu etablieren.

Ich verstehe die genannten Fragen, die nur einen Ausschnitt zeigen, auch weiterhin als Auftrag (an die Fachcommunity), noch breiter empirisch, konzeptionell aber auch ganz praktisch bzw. entwicklungsorientiert zu arbeiten, um die Veränderung von Lehren und Lernen mit Unterstützung digitaler Medien (nicht nur) im akademischen Bereich zu fördern und plausibel zu machen.

Der Workshop befindet sich im Moment in der Online-Phase und ich bin neugierig, wie die Teilnehmenden ihre zum Teil ersten eLearning-Erfahrungen aus Lehrenden- und Lernendenperspektive in vier Wochen einschätzen werden.

Thema: Community, Forschung, Fragen, Ideen & Konzepte, Lehre & Studium | Kommentare (2) | Autor: mayrberger