Beiträge vom Juni, 2009

eAssessment – Rückblick auf den GMW-Workshop 2009

Montag, 22. Juni 2009 18:01

Der diesjährige Expertinnenworkshop der GMW zum Thema “eAssessment” wurde letzte Woche vom E-Learning Center (ELC) der Universität Zürich  ausgerichtet. Und ja, es handelte  sich in der Tat um einen Workshop, der nicht ausschließlich dem Konzept der Referate folgt, wie man es sonst häufig unter dem Label “Workshop” in der Wissenschaft erlebt, sondern Beteiligung fördert und in wesentlichen Phasen von ihr lebte.

Neben kurzen Referaten zu summativen wie formativen Konzepten und Projekterfahrungen zum Thema eAssessment im akademischen Kontext (vgl. Programm) boten das “Learning Café” als Variante und die interaktive Postersession genügend Gelegenheiten ausführlicher miteinander ins Gespräch zu kommen und den eigenen Interessen zu folgen. Ich hoffe, dass weitere “klassische” Veranstaltungsformate den Schritt hin zur (phasenweisen) Öffnung für mehr Beteiligung der Teilnehmenden gehen werden.

Thematisch war es für mich einerseits spannend zu erfahren, wo Projekte sehr aktiver Institutionen in diesem Bereich, wie z.B. das CeDis oder das ZMML, heute stehen – auch mit Blick auf den Ende 2007 im Rahmen von KoOP veranstalten Workshop zum “Computerunterstützten Prüfen”. Weiter nachdenken werde ich sich über das Plädoyer von Nicolas Apostolopoulos, unter bestimmten Bedingungen für das eAssessment auf die eigenen Laptops der Studierenden zu setzen. In diesem Kontext werden auch die ersten (nicht nur technischen) Erfahrungen der Universität Paderborn interessant sein, die alle Studienanfängerinnen und -anfänger im Wintersemester 2009/2010 mit Netbooks ausstattet. Ich finde diese Perspektive vor allem im Kontext formativer Prozesse des eAssessment zukunftsweisend.
Ebenfalls anregend war für mich der Beitrag von Tobias Zimmermann und Karen-Lynn Bucher, die über ihre Erfahrungen mit Online-Diskussionen als Leistungsnachweise in einer Vorlesung mit über 200 Studierenden berichteten – anregend deshalb, weil ich einige Punkte gut nachvollziehen konnte, andere unter anderen Rahmenbedingungen anders machen würde. In jedem Fall hat dieser Beitrag noch einmal exemplarisch für andere Erfahrungen dieser Art daran erinnert, dass man grundsätzlich auch auch in Vorlesungen auf formatives eAssessment von Einzelleistungen setzen kann.
Abgerundet hat den Workshop das Abendessen im “UniTurm” mit beeindruckender Aussicht auf Zürich und Umgebung.

Nachtrag [06.07.09]: Alle Videoaufzeichnungen, Folien und Poster stehen nun auf der Website des E-Learning Centers zum Download bereit.

Thema: Ideen & Konzepte, Veranstaltung | Kommentare (0) | Autor: mayrberger

“2.0″ als Chance für die akademische Lehre plausibel zu machen ist und bleibt eine Herausforderung

Sonntag, 21. Juni 2009 2:05

Vergangenes Wochenende fand der erste Teil meines Blended-Learning Workshops zu “Social Software in der Hochschullehre” im Rahmen des MoHE am Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung statt.
Wie immer ist es eine Bereicherung mich mit interessierten und zugleich anspruchsvollen Teilnehmenden des Studiengangs, die zugleich Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichsten Fächern sind, über die Chancen und Grenzen der Integration von digitalen Medien in die akademische Lehre allgemein und hier im besonderen von Social Software auszutauschen.
Trotzdem die Vorkenntnisse, Erwartungen und Bedürfnisse der Teilnehmenden relativ heterogen waren, haben wir uns sowohl einen ersten Über- bzw. eher Einblick in die Tools verschafft und diese erprobt, als auch zentrale Punkte ansprechen können. Zum Teil wurde – trotz oder gerade auf Grund des hohen Anteils an Noviz/innen im Workshop – “der Finger in die Wunde gelegt”, d.h. es wurden auch Themen und Fragen angesprochen, deren mögliche “Lösungen” auch zur Zeit noch innerhalb der Fachcommunity diskutiert werden.

Einige dieser Aspekte notiere ich hier als Fragen, um auch weiterhin im Blick zu behalten, womit sich (nicht nur junge) Lehrende auseinander setzen:

  • Mehrmals wurde gefragt: Inwiefern stehen Aufwand und Nutzen der Integration von neuen Medien bzw. der Umsetzung von eLearning in einem adäquaten Verhältnis? Lohnt es sich, z.B. die knappe Zeit als Promovendin in aufwändige Lehre zu investieren statt in Forschungsprojekte?
  • Wo erhalte ich klare Handlungsempfehlungen her, wie Szenarienübersichten für unterschiedlichste Einsatzmöglichkeiten, Toolempfehlungen für konkrete Kontexte etc.?
  • Wie kann ich mit Widerständen im Kollegium oder bei den Studierenden gegenüber ungewohnten Lehr- und Lernmethoden (mit und ohne digitale Medien) umgehen?
  • Wie verändert sich meine Rolle als Lehrende/r im Zuge von “2.0″ – wie verändert sich das Verhältnis von Nähe und Distanz (Sollte ich z.B. jede “Freundschaftsanfrage” von Studierenden in eine Online-Community konsequenterweise angenommen werden? Wie erreichbar muss ich sein – 24/7? )? Wo bzw. habe ich als Lehrende meine persönliche Grenze?
  • Wie gehe ich mit Tools auf dem Web 2.0-Markt um, hinter denen ökonomische Interessen stehen (Sammlung von persönlichen Daten zu Marketingzwecken etc.)?
  • Wie gehe ich mit rechtlichen Aspekten um? Wie pragmatisch kann und will ich in dieser Hinsicht sein?
  • Lehre im Sinne von 2.0 heißt auch, die “Türen des Klassenraums zu öffnen”(z.B. in Form von Vorlesungsaufzeichnungen via Podcasting) – Wie gehe ich damit als Lehrende/r um?
  • Sind die Studierenden technisch so fit, wie behauptet wird? Wollen sie eLearning in seinen Varianten überhaupt?
  • Wie kann man Studierenden, die zunehmend in eine Konkurrenzsituation stehen (nicht nur um die späteren Arbeitsplätze, sondern z.B. auch um die begrenzten MA-Studienplätze) zum kooperieren und (halb-)öffentlichen Publizieren anregen und überzeugen?
  • Wie kann ich die Qualität der Inhalte (“User generated Content”) unterstützen und gewährleisten? Wie gehe ich mit Plagiaten um?
  • Kann ich Studierenden “zwingen” (z.B. qua Leistungsnachweis) ihre Inhalte ins öffentliche Netz zu stellen? … oder sich einen Account bei einem kommerziellen Anbieter einzurichten?
  • Wie kann ich die Lernenden motivieren, sich bei dieser Form des Lernens zu engagieren?
  • Wie kann ich die Online-Kommunikation und Partizipation fördern?
  • Reichen die technischen und auch personellen Ressourcen vor Ort aus?
  • Welche Implementierungsstrategien gibt es?
  • Inwieweit handelt es sich bei Social Software nicht um die “nächste Sau, die durch das Dorf getrieben wird”?
  • Wie gehe ich mit dem Widerspruch von eLearning 2.0 und den strukturellen Rahmenbedingungen an der Universität um (Fachkultur, Organisation, Vorgaben im Rahmen der BA etc.)?

Einige der Fragen haben wir ausführlicher besprechen können, andere konten wir nur anreißen und gemeinsam ein Spektrum an Handlungsmöglichkeiten erarbeiten. Bei einigen Fragen wurde in der Diskussion auch deutlich, dass es sich hier um die persönliche Haltung und Einstellung zum Lehren 2.0 handelt. In jedem Fall führten die Auseinandersetzungen dazu, dass einige mit neuen Impulsen und Reflexionen in die Online-Phase gegangen sind.

Zwar nehmen Praxiserfahrungen, empirische Untersuchungen und “best practice”-Beispiele deutlich zu (vgl. u.a. das Themenspecial zu Web 2.0 auf e-teaching.org oder ausgewählte Publikationen der GMW-Buchreihe “Medien in der Wissenschaft” oder der zeitschrift für e-learning), doch gibt es eben nicht DIE Handreichung, DAS Szenario und DIE Checkliste etc., um die Integration von digitalen Medien in die akademische Lehre (nicht nur im Sinne von 2.0) erfolgreich unter Berücksichtigung des jeweiligen fachspezifischen Kontexts und der  Fachkultur zu etablieren.

Ich verstehe die genannten Fragen, die nur einen Ausschnitt zeigen, auch weiterhin als Auftrag (an die Fachcommunity), noch breiter empirisch, konzeptionell aber auch ganz praktisch bzw. entwicklungsorientiert zu arbeiten, um die Veränderung von Lehren und Lernen mit Unterstützung digitaler Medien (nicht nur) im akademischen Bereich zu fördern und plausibel zu machen.

Der Workshop befindet sich im Moment in der Online-Phase und ich bin neugierig, wie die Teilnehmenden ihre zum Teil ersten eLearning-Erfahrungen aus Lehrenden- und Lernendenperspektive in vier Wochen einschätzen werden.

Thema: Community, Forschung, Fragen, Ideen & Konzepte, Lehre & Studium | Kommentare (2) | Autor: mayrberger

Wie umgehen mit der Freiheit im Netz?

Montag, 1. Juni 2009 23:35

Mit der Frage “Was darf das Internet”? wartete diese Woche DIE ZEIT auf. Mit Interesse habe ich mir wieder einmal Zeit für DIE ZEIT genommen und die dort geführten Kontroversen in dieser und der letzten Ausgabe um die (vermeintlichen) Freiheiten im Netz verfolgt. Dabei scheint vor allem der Artikel von Heinrich Welfing “Wider die Ideologen des Internets!” zur kontroversen Diskussion aufzufordern (vgl. die zahlreichen Kommentare zum Artikel selbst oder den ausführlichen Kommentar von Marcel Weiss zur unerträglichen Seichtigkeit der deutschen Internet-Debatte auf den ich über den Beitrag von Gabi Reinmann aufmerksam geworden bin).

Dass es sich bei der Frage nach den Grenzen der Freiheit im Netz nicht nur um eine intellektuelle Debatte handelt, sondern auch im medienpädagogischen Kontext dringend (weiter-)geführt werden sollte, hat mir eine anregende Diskussion verdeutlicht, die ich vorletzte Woche in Anschluss an einem Vortrag zum zur Medienkompetenzförderung im Kontext der Erziehungshilfe mit den ZuhörerInnen erlebt habe. Dort war in der Diskussion relativ schnell klar und das war eine sehr erfreuliche Erfahrung, dass Medienkompetenzförderung von Kindern und vor allem Jugendlichen auch in institutionellen Erziehungseinrichtungen oder -programmen eine wichtige Aufgabe darstellt.
Die Diskussion ging dann auch in Richtung der kritischen Themen, die sich nicht nur mit den vielen Chancen u.a. zur Emanzipation, Artikulation und Partizipation von Jugendlichen beschäftigten, sondern mit den Grenzen des Internets – und hier schwang weniger ein bewahrpädagogischer Tenor mit als vielmehr eine Spur Ratlosigkeit, wenn sich nach meiner Wahrnehmung in der Diskussion Fragen wie beispielsweise die Folgenden herauskristallisierten:

  • Wir als (medien-)pädagogische Fachkräfte können zwar Medienkompetenz fördern, doch wo gibt es auch rechtliche Grenzen (z.B. Jugendmedienschutz) im Netz, auf die wir uns beziehen können (z.B. Fotos oder Videos im Netz)?
  • Wie gehe ich mit den Konsequenzen dieser neuen und berechtigten Freiheit der Jugendlichen um (z.B. wo hört die Artikulationsfreiheit der Jugendlichen auf und beginnt die Verletzung von Persönlichkeitsrechten Dritter wie MitschülerInnen oder LehrerInnen?)
  • Wie kann ich einerseits den Möglichkeiten, die das neue Netz bietet, gerecht werden, aber andererseits auch meinem öffentlichen Erziehungsauftrag (d.h. pädagogisch motivierte Grenzen setzen)?
  • Gerade Online-Communities bieten den Jugendlichen neue, wichtige Erfahrungsräume, doch wie erlange ich Zugang zu dieser “Parallelwelt”, die Teil der aktuellen Lebenswelt der Jugenlichen darstellen? [In diesem Zusammenhang möchte ich auch gerne auf die anregende Kolumne "Lost in Communities" von Kai Hanke (merz 1/2009) hinweisen, der sich mit dem "Ausziehen im Netz" auseinandersetzt und die mir gerade heute wieder in die Hände fiel.]

Im Rahmen dieser Diskussion wurde für mich sehr deutlich, dass die Auseinandersetzung um die Grenzen des Netzes aus nicht nur aus der Perspektive des Subjekts hinsichtlich der Frage nach rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit Themen wie der “Zensur” zu sehen ist, sondern auch aus der Perspektive der Gesellschaft, hier vertreten durch ErzieherInnen mit öffentlichem und pädagogischem Auftrag. Hier erscheint mir daher eine wichtige Maßnahme zu sein, bestehende Informations- und Beratungsangebote zum Thema (z.B. bei “mediaculture-online” oder “Schau hin!“) noch deutlicher und breiter zu kommunizieren, um Unsicherheiten in der (medien-)pädagogischen Praxis vorzubeugen.

Thema: Fragen, Reflexion, Vortrag | Kommentare (0) | Autor: mayrberger