“Lehren 2.0″
Mittwoch, 12. August 2009 14:27
Im Juni hatte ich im Blogeintrag “2.0″ als Chance für die akademische Lehre plausibel zu machen ist und bleibt eine Herausforderung einige Punkte referiert, die im Kontext von Lehren und Lernen im Sinne von 2.0 ernst zu nehmen und zu bedenken sind und (nicht nur) für die medien- und hochschuldidaktische Fort- und Weiterbildung im Bereich eLearning in der Hochschule besonderes relevant erscheinen.
Hintergrund hierfür waren die ersten Eindrücke der Auftaktveranstaltung eines Blended Learning-Workshops. Mittlerweile ist sowohl die Onlinephase als auch die Online-Abschlussveranstaltung vergangen und damit ein guter Zeitpunkt nochmals zurück zu blicken und auf exemplarische Herausforderungen einzugehen – sowohl auf Grund der gemachten Erfahrungen meinerseits als auch unter Zunahme von Punkten die im Rahmen der Veranstaltung durch die Teilnehmenden verstärkt diskutiert oder zum Abschluss rückgemeldet wurden. Da es sich bei den Teilnehmenden zugleich um Lehrende handelt, überwiegt naturgemäß die Auseinandersetzung mit der medien- und hochschuldidaktischen Perspektive auf die Gestaltung entsprechender Lernumgebungen und der eigenen (sich in der Regel dann ändernden) Rolle als Lehrende innerhalb dieser.
So haben die Teilnehmenden zum Abschluss der Online-Phase Aspekte zusammen getragen, die auf Grund ihrer gemachten Erfahrungen in dem Workshop dazu beitragen (können), dass man sich als Lernende/r eher motiviert und aktiviert fühlt und damit zugleich beschrieben, was sie für wichtige Aufgaben der Lehrperson im Rahmen von Blended Learning halten. Hier wurde vor allem deutlich, dass ein aktiver Part der Lehrenden (gerade bei Lernenden, die noch Anfänger/innen im Umgang mit Online-Tools sind) auch bei offenen Szenarien notwendig ist und eingefordert wird, z.B. regelmäßige Feedbacks geben, regelmäßig motivieren und aktivieren durch (Kurz-)Nachrichten, das setzen von und erinnern an Fristen sowie die persönliche Ansprache, wo es angebracht erscheint. Zugleich aber auch das Problem der Abgrenzung gesehen wird, d.h. wie häufig will ich betreuen, moderieren, motivieren, aktivieren etc. und auf der anderen Seite das “Zeitproblem” der Lernenden, dass man auch andere Dinge neben dem Onlinekurs zu tun hat und evtl. nur das Nötigste erledigt und sich minimal einbringt. Zudem war es den Telnehmenden wichtig, dass die Lerngegenstände einen persönlichen Bezug ermöglichen, wie z.B. der Entwurf und die Erprobung eigener Blended Learning Szenarien(-ausschnitte) und es motiviert, sich bei Peer-to-Peer Feedbacks einzubringen, wenn man etwas von den anderen lernt oder mitnehmen kann (z.B. methodische Ideen, Möglichkeiten der Einbindung von Web 2.0-Tools in unterschiedlichen Kontexten). Nicht zuletzt ist für die Motivation eine gute technische Einführung (Förderung von Medienkompetenz) in die verwendeten Anwendungen und Werkzeuge notwendig, zugleich aber auch die Offenheit für die kritische und konstruktive Diskussion von Lehren und Lernen im Netz (z.B. Datenschutz, Persönlichkeitsrechte, Urheberrecht, Kommerzialisierung/Werbung). Ebenso wird die Nachvollziehbarkeit der Auswahl von bestimmten Tools für das Szenario und weshalb man sich als Lernende/r (z.T. zusätzlich) damit auseinandersetzen sollte (in diesem Fall Adobe Connect, Wiki, Forum, Twitter und klassisches Mail) als relevant angesehen, also wie sinnvoll dass ganze Szenario subjektiv für den eigenen Lernprozess erscheint.
Nach nunmehr drei Workshops zum Themenfeld “Lehren und Lernen 2.0 in der Hochschule” innerhalb des letzten Jahres hat sich für mich gezeigt, dass es, wie sich in ähnlicher Weise auch schon in anderen Projektkontexten bestätigt hatte (z.B. im Rahmen der diskursiven und partizipativen Strategie von KoOP), folgende Punkte sind, die Lehrende motivieren (können), ihre akademische Lehre mit digitalen Medien bzw. Social Software alternativ zu gestalten und damit zu verändern:
- Beispiele vorgestellt zu bekommen und nachvollziehen zu können und diese kritisch zu diskutieren
- selbst tätig zu werden und Werkzeuge auszuprobieren
- aus der Perspektive der bzw. des Lernenden eigene Erfahrungen im Sinne von Lernen 2.0 zu machen
- am eigenen Szenario zu arbeiten und die Inhalte sofort zu transferieren und damit selbst betroffen zu sein
- Akzeptanz für die Veränderung von akademischer Lehre zu schaffen und die Möglichkeiten, dieses selbst zu tun
Was mir in diesen Veranstaltungen wieder deutlich wurde – gerade weil a) die 2.0-Tools immer vielfältiger und zahlreicher werden und zum Ausprobieren einladen und b) die Teilnehmenden vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Disziplinen spezifische Szenarien entwickelt haben – sind in erster Linie die folgenden Punkte:
- “Neues Lernen mit neuen Medien” wörtlich zu nehmen, d.h., dass es erstens um die Veränderung von Lehren, Lernen und Prüfen gehen muss und damit einhergehend die Bereitschaft der Lehrenden und Lernenden (idealerweise auch auf Seiten der Organisation) sich und ihre Lehre ebenfalls zu verändern und erst im zweiten Schritt zu fragen, in welcher Form digitale Medien angestrebte Veränderungen (im jeweiligen Fach) unterstützen oder im besten Fall erst ermöglichen können (Stichwort “Primat der Didaktik”)
- Auch eine Lernumgebung (in formalen Kontexten), die im Sinne von 2.0 gestaltet ist, braucht sinnvolle und angemessene Phasen sowohl der Konstruktion als auch der Instruktion (Stichwort “Didaktischer oder gemäßigter Konstruktivismus”)
- “Lehren 2.0″ ist ein (lebens-)langer Prozess und hat auch etwas mit professioneller Gelassenheit zu tun (Stichwort: “Didaktische Innovationen brauchen Zeit”)
Vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen der letzten Jahre in Forschung, Entwicklung und Praxis komme ich im Moment zu dem Schluss, dass die persönlichen Haltungen und Einstellungen sowohl auf Seiten der Lehrenden als auch der Lernenden der Anknüpfungspunkt für weitere Veränderungsprozesse sind, um die sich bietenden Möglichkeiten des sich stetig ändernden Netzes für ein Lehren und Lernen im Sinne von 2.0 zu nutzen und auszuschöpfen. Dazu zählen für mich – wenn man das Konzept des Web 2.0 ernst nehmen will und das Subjekt in das Zentrum der Lehre stellt – besonders Aspekte wie “Authentizität”, “Wertschätzung” und “Vertrauen” im gemeinsam gestalteten Lehr- und Lernprozess, aber auch ganz traditionelle Konzepte wie die “Subjektorientierung”, “Handlungsorientierung” und das “Lernen am Modell” – auch im Sinne von “walk what you talk”.
Diese vorläufigen eher grundlegenden (und im Grunde auch nicht neuen) Erkenntnisse stellen momentan (m)eine (didaktische) Grundlage dar, für die weitere Auseinandersetzung mit spezifischen Fähigkeiten, die die Gestaltung von Lernumgebungen bzw. Lernlandschaften im Sinne von “Lehren und Lernen 2.0″ heute von Lehrenden verlangt. Abgesehen von erweiterten medienbezogenen Kompetenzen stellt sich für mich die Frage, ob aus (medien-)didaktischer Perspektive auch in formalen bzw. institutionellen Lernkontexten nicht neue Aspekte hinzukommen müssten (und die oben aufgezeigten Erfahrungswerte doch noch zu kurz greifen) und es sich eben nicht tendenziell um “alten (didaktischen) Wein in neuen (technisch unterstützten) Schäuchen” handelt und sich der Schwerpunkt der (medien-)didaktischen Diskussion und damit einhergehend methodischen Auseinandersetzung lediglich verlagert?
Anregend finde ich zu diesem Thema die Antworten auf “The big Question” vom Juli diesen Jahres im LC Blog:
New Skills and Knowledge for Learning Professionals? – In a Learning 2.0 world, where learning and performance solutions take on a wider variety of forms and where churn happens at a much more rapid pace, what new skills and knowledge are required for learning professionals?
Wie sehen das andere?
Thema: Forschung, Fragen, Lehre & Studium, Reflexion | Kommentare (1) | Autor: mayrberger

