weniger ist manchmal mehr …

… zu dieser Erkenntnis komme ich auf Grund unseres “Twitter-Versuchs” im Rahmen des Podiumsgesprächs am ePortfolio-Tag im Kontext der diesjährigen Campus Innovation 2009. Über die Idee hatte ich vor einiger Zeit auch schon hier berichtet.

Es ging uns bei diesem Podiumsgespräch allerdings in erster Linie darum, den ePortfolio-Tag inhaltlich zusammenzuführen, d.h. sowohl die ReferentInnen des Tages als auch neu hinzugezogene Gäste, die über praktische Erfahrungen mit der ePortfolio-Arbeit berichteten, gemeinsam an ausgewählten Punkten weiter diskutieren zu lassen. An dieser Stelle möchte ich mich auch noch einmal ganz herzlichen bei den acht Gästen für Ihre Bereitschaft bedanken, sich an dem facettenreichen Gespräch beteiligt zu haben.

Erst in zweiter Linie ging es uns auch darum, zu erproben, inwiefern die Ermöglichung einer stärkeren direkten Beteiligung des Publikums beim Podiumsgespräch für das Gespräch  bereichernd sein kann. Darüber möchte ich hier näher berichten. So haben wir neben der klassischen Beteiligungsmöglichkeit via Publikumsmikrofon auch eine virtuelle Beteiligung via Twitter ermöglicht. Es gab eine mitlaufende Twitterwall, die hinter den Podiumsteilnehmenden aufgebaut war und eine Twitter-Moderation, die Christina Schwalbe übernommen hat, indem sie die Tweets mitverfolgt  und passende Beiträge für das laufende Face-to-Face Gespräch ausgewählt hat. Via Zeichen wurden diese dann in das Gespräch auf dem Podium mit aufgenommen. Über ihre Erfahrungen und ihre Schlussfolgerungen im Sinne von “form follows function!” berichtet sie hier. Zusätzlich hat Ralf Appelt den Diskussionsverlauf in Form eines (subjektiven) Twitter-Protokolls festgehalten. Es wurde während des Podiums dann auch moderat getwittert (#ci09)

Soweit so gut.

Aus Perspektive der Moderatorin auf dem Podium bin ich nun auf Grund dieses Versuchs zu dem Schluss gekommen, dass eben manchmal weniger mehr sein kann und Komplexität eines Szenarios nicht unbedingt auch eine höhere Qualität mit sich bringen muss. Denn meiner Ansicht nach war die Twittereinbindung nur bedingt ein Gewinn. Da das Podium mit acht Personen an sich schon sehr gut besetzt war, waren weitere Impulse nicht wirklich notwendig, um die Diskussion in Gang zu bringen oder zu halten. So konnten auch nicht alle über Twitter formulierten Kommentare oder Nachfragen z.T. aus Zeitgründen berücksichtigt werden. Andererseits wurde die grundsätzliche Möglichkeit der Publikumsbeteiligung durch direkte Nachfragen (via Mikrofon) oder stellvertretend über die Twitter-Moderation auch genutzt bzw. ausprobiert.

Vor dem Hintergrund dieses Szenarios kann ich Folgendes festhalten (auch als Hinweise für die Weiterentwicklung dieser Idee):

  • das Szenario ist sehr komplex, zu viele Kommunikationsebenen und deren Interaktion müssen im Blick behalten werden (Podiumsgäste + Moderation + Publikum im Raum + Twittermoderation (die die virtuelle Beteiligung aus dem Raum und von “ganz außen” im Auge behält) und auf das Thema bezogen werden (Ruth Cohn lässt grüßen ;-) )
  • die Idee der Twitter-Moderation ist zwar praktikabel, aber für den Verlauf einer Diskussion schwer an den richtigen Stellen einzubringen. Wir hatten uns  auf ein Zeichen verständigt und haben das so auch erfolgreich umsetzen können. Allerdings konnte die Twittermoderation  zumeist nur zwischen den anderen Wortmeldungen eingereiht werden und da war die Timeline dann meistens schon wieder einen Schritt weiter.
  • Idealerweise hat die Moderation selbst die Timeline im Auge und verfolgt das Geschehen dort ebenfalls mit. Doch wenn der Blick auf dem Monitor weilt, dann ist es schwierig Kontakt zu den Gästen zu halten, auf denen bei Podiumsgesprächen in der Regel das Hauptaugenmerk liegt.
  • Die PodiumsteilnehmerInnen werden zum Teil von der Twitterwall eingefangen und vom Gespräch miteinander abgelenkt, gerade wenn das Gespräch etwas langatmig wird. Dann ist es schwieig, wieder alle für das gemeinsame Gespräch “einzufangen”. Zudem mag sicherlich auch mit einem gewissen Neuigkeitseffekt zu tun haben.
  • Für mich als Moderatorin war die Erfahrung sehr interessant, nicht zu wissen, was hinter mir auf der Projektionsfläche passiert. Wenn plötzlich gelacht wird und der Grund offensichtlich im Virtuellen liegt, ist es eine Herausforderung die Aufmerksamkeit beim Face-To-Face Gespräch beizubehalten und nicht auch phasenweise das reale Gespräch vor Ort zu Gunsten der virtuellen Beiträge “zu verlassen”.
  • Insofern: Die Einbindung von Twitter in Form einer Twitterwall als weiteren “virtuellen Impulsgeber” würde ich im Rahmen von Podiumsgesprächen, wie wir sie kennen, außen vor lassen.
  • Es sei denn, man inszeniert die Idee Podium völlig neu und stellt den Gedanken der Partizipation “von außen” in den Vordergrund, z.B. mit weniger ExpertInnen, mit noch mehr Twitteraktivitäten als Impulsgeber und einer Moderation, die alle Ebenen selbstständig händelt. Es könnten z.B. zwei ExpertInnen ins Gespräch kommen und dann bewusst gemeinsam auf die vielfältigen Impulse aus dem Publikum oder “ganz von außen” eingehen.
  • Man sollte sich vorab die Frage stellen, worum es einem bei einem Podiumsgespräch oder einer -diskussion geht: um das öffentliche gemeinsame Expertengespräch oder die Partizipation an diesem und welche Bedingungen in welchem Fall erfüllt sein müssen.

Doch wie soll man sich an etwas beteiligen, wenn es sich vielleicht auf Grund zu vielfältiger Impulse gar nicht erst entfalten kann?

Weitere Tagungsrückblicke und -einschätzungen sowie Diskussionen von einzelnen Aspekten im Kontext der Campus Innovation 2009 sind u.a. bei Ilona Buchem, Jochen Robes, Frank Vohle und  Gabi Reinmann zu finden.

[Nachtrag:] Die Aufzeichnungen der Vorträge sind hier zu finden.

Autor: mayrberger
Datum: Dienstag, 1. Dezember 2009 10:28
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Reflexion, Veranstaltung

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11 Kommentare

  1. 1

    [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Kerstin Mayrberger, jonas28 erwähnt. jonas28 sagte: grad gelesen: Rückblick auf den Twittereinsatz während des Podiumsgesprächs auf der #ci09: http://tinyurl.com/y9l8nka (via @mayrberger) [...]

  2. 2

    Ich finde es prima, dass du, Kerstin, das Experiment gewagt hast und zusätzlich zur “klassischen” Moderation Twitter mit einbezogen hast. Als Twitter-Neuling war ich sehr gespannt darauf, wie ich selbst mit dieser Form der Diskussionsbeteiligung umgehen würde und genoss mein “kommunikativen Selbstversuch” mit Laptop auf den Knien. Allerdings musste ich feststellen, dass ich Zuhören und Twittern nicht gleichzeitig hinbekam. Anders ausgedrückt: das Medium forderte zu viel Aufmerksamkeit, die von der Diskussion abgezogen wurde.
    Die Qualität der Twitter-Beiträge war dann auch sehr unterschiedlich: manche kompetent und konstruktiv, andere kess, manche bezogen sich nicht auf die Diskussion in diesem Raum usw. Die Zusammenfassungen der einzelnen Diskussionsbeiträge hätte ich nicht gebraucht, schließlich saß ich life daneben und hätte vermutlich mit anderen Schwerpunkten zusammengefasst.
    Wozu könnte Twittern” indes hilfreich sein? Ich denke, alle Diskutant/inn/en sollten stets sehen, was geschrieben wird, also nicht nur (aber auch!) die Moderatorin. Wenn “Moderieren” auch bedeutet, das rechte Maß zu finden, dann könnte auf diesem Wege das Publikum maßvoll einbezogen werden, z.B. durch Bitten um Beiträge, Reaktionen auf geäußerte Thesen usw.
    Vermutlich braucht es noch mehr positive Tagungserfahrungen mit Twitter o.ä., um darüber mehr Austausch und Gespräch in Tagungen zu bringen. Bin ich altmodisch wenn ich finde, dass MITEINANDER REDEN durch nichts zu ersetzen ist?

  3. 3

    [...] Kerstin Mayrberger [...]

  4. 4

    @ Angela: Vielen Dank, dass Du hier aus Perspektive einer (experimentierenden) Teilnehmerin Deine Sichtweise darstellst.

    Mir ist im Verlauf dieses Podiumsgesprächs doch noch einmal klar geworden, dass in der Tat bei Face-to-Face-Situationen das MITEINANDER REDEN im Zentrum steht bzw. stehen sollte. Im Grunde ist es ja auch etwas befremdlich, wenn man zwar im Publikum sitzt und faktisch das Mikrofon greifen könnte, sich aber via Twitter einbringt. Da wäre dann zu fragen, warum Twitter und nicht das Mikrofon und damit die direkte Kommunikation – aber das ist wohl noch einmal ein eigener Punkt, zumal es sich hier um einen Versuch gehandelt hat.

    Ich denke auch, dass Twitter oder eine wie auch immer technisch unterstützte Form der Beteiligung in solchen Szenarien grundsätzlich eine Chance darstellt, wenn man sie eben von vornherein als “blended” oder “hybrid” denkt und nicht ein “klassiches Szenario” nur ergänzt. Das wäre für mich dann z.B. auch die Situation, die Du beschreibst, wenn alle stets sehen können, was auf der Twitterwall geschrieben wird.

    Insgesamt sehe ich es daher auch als eine Form des Austausches, an der es sich lohnt weiter zu denken und weiter zu probieren.

    P.S. Vielleicht noch als ergänzende Erklärung. Die Zusammenfassung bzw. Protokollierung der Beiträge auf dem Podium waren gedacht, um - wenn schon denn schon - auch nicht auf der Tagung Anwesenden die Möglichkeit zu geben, ein wenig am Geschehen teilzuhaben und sich mit Fragen einbringen zu können.

  5. 5

    Für mich wäre genau so ein hybrides Konzept wünschenswert gewesen. Ich fand es nicht zu anspruchsvoll den Statements auf dem Podium zu folgen und dabei zu twittern. Weil es ein Statementaustausch war und keine knackige Diskussion, denn dann wär ich vielleicht auch nicht zum Twittern gekommen.
    Ich hätte auch per Mikro nachgefragt, doch das Twittern hat den Vorteil schneller von mehreren im Publikum ein Meinungsbild zu bekommen und Nachfragen und Anregungen schriftlich zu haben, auf die man eingehen könnte.
    Tatsächlich müsste die Moderation das direkt einbringen oder eine Co-Moderation, die stärker auf dem Podium eingebunden ist und auch mal Podiumsteilnehmer unterbrechen kann/muss, da man ja an bestimmten Knackpunkten diskutieren möchte. Acht Podiumsteilnehmer waren wahrscheinlich auch etwas zu viele.
    Ich fände es schade, wenn hier der Eindruck eines missglückten Versuchs bleibt. Für die meisten Anwesenden war es schließlich eine völlig neue Erfahrung, mit der man erst mal umgehen können muss (wenn man es denn möchte).
    Danke für das Experiment in diesem Rahmen einer klassischen Konferenz!

  6. 6

    Hallo Frau Mayrberger,
    zunächst auf diesem Wege ein Dank an ihre Moderation! Es ist nicht leicht acht Podiumsteilnehmer zu koordinieren oder gar in eine Diskussion zu “verwickeln”. Bezüglich twitter ist das genau mein Stichwort: koordinieren. Meiner Meinung nach versuchen wir innovative Elemente (twitter ist eines von vielen) in KLASSISCHE Formate zu pressen um dann zu sehen, dass sich diese beiden Dinge, Prozesse nicht vertragen. Es sind zwei nichtüberführbare Logiken (These)! twitter-Nutzung ist auf schnelle Brüche angelegt, assoziativ, eine Podiumsdiskussion in klassischer Form will die Argumente entfalten, evtl. ist noch ein Streitlein erlaubt, aber die Prozesse sind linear und situiert. Wie oben schon vorgeschlagen wurde, sollten wir auch unsere Vorstellung von “Podium” ändern, wenn wir twitter produktiv einbauen wollen. Vielleicht zwei Personen mit konträren Positionen vor einer twitterwand? In jedem Fall muss das Podium (bleiben wir im Zweierstreit) die twitterwand als Ressonanzfläche! ihrer Aktivität nutzen können, eine Art “Bande” wie im Fußball oder Billard. Wir hätten dann so etwas wie ein Sportereignis mit einer kollaboriven Sportmoderation, nur das da geistige “Bewegung” auf dem Spielfeld steht und die Spieler durch ihre “geschickte” Bewegung aktiv die Moderation beeinflussen können. Interaktivität und ein neues Gleichgewicht muss sich dann zwischen Podium, Moderator (eine Art Schiedsrichter?) und der twitterwand einstellen. Das ist sicher hier nur angedacht, aber wir müssen mehr die GESAMTSITUATION neu einjustieren (und dabei klassische Elemente über Bord werfen oder neu erfinden), wenn wir mächtige technische Werkzeuge integrieren wollen - glaube ich. Also ich bin bei ihnen “weiter denken und ausprobieren!”. Auch wenn es nicht funktioniert, ich bin mir sicher, dass auf einer Fachtagung e-learning die Mutigen nicht ausgebuht werden.

    Viele Grüße Frank (Vohle)

  7. 7

    Hallo Alex,
    Danke noch einmal für die ausdrückliche Korrektur des Eindrucks zu unserem Versuch: Bei allen kritischen Einschätzungen teile ich Deine Meinung, dass es in der Tat kein missglückter Versuch war. Aus meiner Sicht war es in der Tat ein Versuch, der einfach nicht das Mehr gebracht hat, was wir im Vorfeld vermutet hatten, aber wichtige Einsichten mit sich gebracht hat – und ich bin froh, es nun ausprobiert zu haben. Denn jetzt kann man auf dieser Folie an weiteren Versuchen arbeiten, wie man im Rahmen klassischer Tagungen rund um das Thema eLearning auch digitale Technologien sinnvoll integrieren kann.

  8. 8

    Hallo Frank Vohle,
    ich stimme Ihnen da voll zu, dass es wahrscheinlich wenig sinnvoll ist, Neues in Klassischem “zu pressen” – aber meistens ist das ja der erste Schritt, um dann aufbauend auf diese Erfahrungen etwas neu zu denken oder einfach mal “anders” heranzugehen. So bin ich auch gespannt, wie Christina Schwalbe und die anderen Organisatoren des EduCamps im Februar in Hamburg diese Erfahrungen in der dortigen Podiumsdiskussion - die ja im Rahmen eines ganz anderen Konferenzformats stattfindet - einbringen werden.

    In jedem Fall finde ich Ihre Weiterüberlegungen zu dem Zweierformat sehr anschaulich und die Analogien zum Sport klasse. Vielleicht ergibt sich ja da mal eine passende Gelegenheit es umzusetzen?!

  9. 9

    …ja wir werden das sicher einmal mit Studierenden “im Kleinen” ausprobieren um zu sehen ob es funktioniert. Im Gespräch mit Gabi (Reinmann) ergab sich noch die Modifikation, dass die beiden Podiumsteilnehmer gar nicht mehr gegeneinander streiten (klassisch), sondern dass sie “lediglich” den twitterstream kritisch+kreativ KOMMENTIEREN. Der Blickfokus ist also die twitterwand und nicht twitterwand+Argumente des Streitpartners. Ich glaube der Pferdefuß ist imme rdie geteilte Aufmerksamkeit, da muss man weg. Viele Grüße Frank Vohle

  10. 10

    [...] Wenige Minuten, nachdem ich letzten Freitag die Campus Innovation in Hamburg verlassen hatte, ging sie los: Die Podiumsdiskussion, die den ePortfolio-Tag der Konferenz abschloss. Und ich habe offensichtlich nicht nur die Diskussion, sondern auch den spannenden Versuch verpasst, Twitter als Backchannel zu integrieren. Kerstin Mayrberger, die in Hamburg das Podium moderierte, hat dankenswerterweise das Geschehen zusammengefasst und ausführlich bewertet. Um einen Punkt herauszugreifen: Ihr war mit Blick auf die Zahl der Podiumsteilnehmer und die verschiedenen Kommunikationsebenen die Situation schlicht zu “komplex” (ähnlich Christina Schwalbe hier). In einem Kommentar macht Frank Vohle einen aus meiner Sicht wichtigen Einwurf: Mit der Einbindung eines so dynamischen Kommunikationsinstruments wie Twitter entstehen völlig neue Szenarien, die bekannte Formate komplett verändern. Und sich hier zurecht zu finden, braucht Zeit. (Was passieren kann, wenn sich Referenten plötzlich vor einer Twitterwall wiederfinden, konnte man jüngst bei Danah Boyd (!!) nachlesen.) Kerstin Mayrberger, M:blog, 1. Dezember 2009 [...]

  11. 11

    @ Frank Vohle: Ja, da kann ich nur zustimmen und in diesem Sinne noch einmal auf meinen letzten Aufzählungspunkt verweisen:Man sollte sich vorab die Frage stellen, worum es einem bei einem Podiumsgespräch oder einer -diskussion in erster Linie geht.

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