Einblick in die Lehre II: Universitäre „Massenveranstaltungen“ anders gestalten

– ein Spagat zwischen hochschuldidaktischem Ideal und alltäglichen Hürden.

In diesem Beitrag möchte ich einen Einblick in erste Erfahrungen mit der Umsetzung eines Blended Learning-Konzepts zur „Einführung in die schulischen Medienpädagogik“ geben – einer sogenannten Massenveranstaltung in den Bildungswissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die ich zusammen mit Petra Bauer und Hannah Hoffmann durchführe.

Ausgegangen wurde von mir bei der Reorganisation von der Annahme, dass eine Veranstaltung mit einer sehr hohen Teilnehmendenzahl nicht zwingend einem traditionellen didaktischen Konzept mit starker Lehrendenzentrierung folgen muss und eine Integration von digitalen Medien im Sinne von Blended Learning dazu beitragen kann, die Studierenden aktiver zu beteiligen, um einen möglichst ertragreichen Lehr- und Lernprozess mit einem höheren und nachhaltigen Lernerfolg zu ermöglichen (vgl. Mayrberger/Schulmeister, 2009).
An der Blended Learning-Veranstaltung „Einführung in die schulischen Medienpädagogik“ nehmen im WiSe 2010/11 etwa 400 Studierende der Bildungswissenschaften. Sie müssen eine unbenotete Studienleistung erbringen. Die Veranstaltung umfasst 2 SWS und wird mit 3 bzw. 4 Leistungspunkten angerechnet. Betreut wird die Blended Learning Veranstaltung, die in Kooperation mit einer zweiten Veranstaltung stattfindet, die die Durchführung des Praxisblocks ermöglicht, von 3 Lehrenden und 4 Tutor/innen. Das didaktische Blended-Learning-Szenario lässt sich wie folgt skizzieren:

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Skizze Szenario Blended Learning-Einführung

In den drei Themenblöcken werden die vormals linear aufgebauten Themen der Vorlesung gebündelt und exemplarisch behandelt. Jeder Themenblock beginnt mit einer einführenden Vorlesungssitzung. Darauf folgt eine Online-Phase in der die Präsenzveranstaltungen ausfallen. Die Studierenden erhalten für diese Zeit eine Aufgabenstellung mit Materialien, die im Rahmen einer Forendiskussion innerhalb von 3 Wochen zu bearbeiten und in einer Gruppe von max. 10 Personen zu diskutieren ist. Der Themenblock schließt mit einer Abschlussveranstaltung im Plenum, in der Impulse aus den Online-Diskussionen in den Foren aufgegriffen, diskutiert und konzeptionell verortet werden. Zum Abschluss des Blocks verfassen die Studierenden einen Kurzessay von 2-3 Seiten als Studienleistung. Die Studierenden nehmen über das Semester an allen Präsenzveranstaltungen teil. Je nach Studienordnung wählen sie aus den drei Themenblöcken 1-2 Blöcke aus (je Block max. 200 Plätze), die sie vertiefend in Online-Phasen bearbeiten.
Im Praxisblock wird einmalig über einen Zeitraum von 14 Tagen in Kleingruppen à 5 Personen projektorientiert gearbeitet. Jeder Praxisblock beginnt mit einem Auftaktworkshop zur Vorbereitung auf die produktorientierte Gruppenarbeit in dem auch ein Interaktives Whiteboard zum Einsatz kommt. Ziel ist die Erstellung eines Screencasts, der online eingereicht wird. Die Teilnahme am Praxisblock ist für alle Studierenden verbindlich.
Technisch und organisatorisch wird diese Veranstaltung durch das Learning-Management-System ILIAS unterstützt (u.a. zur Bereitstellung von Materialien, zur Einteilung der Kleingruppen, der elektronischen Einreichung der Studienleistungen sowie zur Betreuung der Studierenden und zur Evaluation).
Wesentliche Erfahrung war bisher, dass die Studierende das Angebot zur zeitlichen Flexiblisierung angenommen haben (die Plätze im Block I zu Beginn des Semesters waren sofort ausgebucht). Eine gründliche Einführung in das eher komplexe didaktische Szenario und die E-Learning-Umgebung hat sich ausgezahlt. Die Grenzen der didaktische Reorganisation dieser Massenveranstaltung liegen letztlich im Bereich der personellen Ressourcen, um eine noch bessere Betreuung gewährleisten und Rückmeldungen zu den Aufgaben geben zu können. Denn fordert man Studierende auf, sich aktiv zu beteiligen, tun die meisten es erfreulicherweise auch, wie sich an zahlreichen und zum Teil ausführlicheren Diskussionen in den Foren zeigt. Eine weitere, erwartbare Herausforderung liegt in der technologieunterstützten Realisierung der didaktischen und der organisatorischen Ansprüche und Letzteres vor allem mit Blick auf die effiziente Organisation der Teilnehmenden und ihrer Leistungen.
Dieses komplexe Blended-Learning Szenario zeigt noch einmal gut, dass sich die Bereiche „IT-Service“ und „Didaktik“ gut ergänzen können und müssen, wenn anspruchsvolleres E-Learning mit vielen Akteuren funktionieren soll: Didaktisch begründete Ansprüche und Wünsche können zur Weiterentwicklung der jeweils verwendeten Software beitragen. Anders herum lädt so manches technische „Feature“, das die Organisation einer Massenveranstaltung verbessern kann, durchaus dazu ein, didaktische Überlegungen wo möglich anzupassen – ganz im Sinne eines Primats der Didaktik.

Quellen:
Mayrberger, K. & Schulmeister, R. (2009). E-Learning in Massenveranstaltungen. Editorial. Zeitschrift für E-Learning, Lernkultur und Bildungstechnologie, 4 (1), 4-7.

[Dieser Beitrag erscheint in dieser Form auch in der AUSGABE #5 des Hamburger E-Learning-Magazins "eLearning in Massenveranstaltungen", 12/2010]

Autor: mayrberger
Datum: Montag, 6. Dezember 2010 15:58
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Ein Kommentar

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