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weniger ist manchmal mehr …

Dienstag, 1. Dezember 2009 10:28

… zu dieser Erkenntnis komme ich auf Grund unseres “Twitter-Versuchs” im Rahmen des Podiumsgesprächs am ePortfolio-Tag im Kontext der diesjährigen Campus Innovation 2009. Über die Idee hatte ich vor einiger Zeit auch schon hier berichtet.

Es ging uns bei diesem Podiumsgespräch allerdings in erster Linie darum, den ePortfolio-Tag inhaltlich zusammenzuführen, d.h. sowohl die ReferentInnen des Tages als auch neu hinzugezogene Gäste, die über praktische Erfahrungen mit der ePortfolio-Arbeit berichteten, gemeinsam an ausgewählten Punkten weiter diskutieren zu lassen. An dieser Stelle möchte ich mich auch noch einmal ganz herzlichen bei den acht Gästen für Ihre Bereitschaft bedanken, sich an dem facettenreichen Gespräch beteiligt zu haben.

Erst in zweiter Linie ging es uns auch darum, zu erproben, inwiefern die Ermöglichung einer stärkeren direkten Beteiligung des Publikums beim Podiumsgespräch für das Gespräch  bereichernd sein kann. Darüber möchte ich hier näher berichten. So haben wir neben der klassischen Beteiligungsmöglichkeit via Publikumsmikrofon auch eine virtuelle Beteiligung via Twitter ermöglicht. Es gab eine mitlaufende Twitterwall, die hinter den Podiumsteilnehmenden aufgebaut war und eine Twitter-Moderation, die Christina Schwalbe übernommen hat, indem sie die Tweets mitverfolgt  und passende Beiträge für das laufende Face-to-Face Gespräch ausgewählt hat. Via Zeichen wurden diese dann in das Gespräch auf dem Podium mit aufgenommen. Über ihre Erfahrungen und ihre Schlussfolgerungen im Sinne von “form follows function!” berichtet sie hier. Zusätzlich hat Ralf Appelt den Diskussionsverlauf in Form eines (subjektiven) Twitter-Protokolls festgehalten. Es wurde während des Podiums dann auch moderat getwittert (#ci09)

Soweit so gut.

Aus Perspektive der Moderatorin auf dem Podium bin ich nun auf Grund dieses Versuchs zu dem Schluss gekommen, dass eben manchmal weniger mehr sein kann und Komplexität eines Szenarios nicht unbedingt auch eine höhere Qualität mit sich bringen muss. Denn meiner Ansicht nach war die Twittereinbindung nur bedingt ein Gewinn. Da das Podium mit acht Personen an sich schon sehr gut besetzt war, waren weitere Impulse nicht wirklich notwendig, um die Diskussion in Gang zu bringen oder zu halten. So konnten auch nicht alle über Twitter formulierten Kommentare oder Nachfragen z.T. aus Zeitgründen berücksichtigt werden. Andererseits wurde die grundsätzliche Möglichkeit der Publikumsbeteiligung durch direkte Nachfragen (via Mikrofon) oder stellvertretend über die Twitter-Moderation auch genutzt bzw. ausprobiert.

Vor dem Hintergrund dieses Szenarios kann ich Folgendes festhalten (auch als Hinweise für die Weiterentwicklung dieser Idee):

  • das Szenario ist sehr komplex, zu viele Kommunikationsebenen und deren Interaktion müssen im Blick behalten werden (Podiumsgäste + Moderation + Publikum im Raum + Twittermoderation (die die virtuelle Beteiligung aus dem Raum und von “ganz außen” im Auge behält) und auf das Thema bezogen werden (Ruth Cohn lässt grüßen ;-) )
  • die Idee der Twitter-Moderation ist zwar praktikabel, aber für den Verlauf einer Diskussion schwer an den richtigen Stellen einzubringen. Wir hatten uns  auf ein Zeichen verständigt und haben das so auch erfolgreich umsetzen können. Allerdings konnte die Twittermoderation  zumeist nur zwischen den anderen Wortmeldungen eingereiht werden und da war die Timeline dann meistens schon wieder einen Schritt weiter.
  • Idealerweise hat die Moderation selbst die Timeline im Auge und verfolgt das Geschehen dort ebenfalls mit. Doch wenn der Blick auf dem Monitor weilt, dann ist es schwierig Kontakt zu den Gästen zu halten, auf denen bei Podiumsgesprächen in der Regel das Hauptaugenmerk liegt.
  • Die PodiumsteilnehmerInnen werden zum Teil von der Twitterwall eingefangen und vom Gespräch miteinander abgelenkt, gerade wenn das Gespräch etwas langatmig wird. Dann ist es schwieig, wieder alle für das gemeinsame Gespräch “einzufangen”. Zudem mag sicherlich auch mit einem gewissen Neuigkeitseffekt zu tun haben.
  • Für mich als Moderatorin war die Erfahrung sehr interessant, nicht zu wissen, was hinter mir auf der Projektionsfläche passiert. Wenn plötzlich gelacht wird und der Grund offensichtlich im Virtuellen liegt, ist es eine Herausforderung die Aufmerksamkeit beim Face-To-Face Gespräch beizubehalten und nicht auch phasenweise das reale Gespräch vor Ort zu Gunsten der virtuellen Beiträge “zu verlassen”.
  • Insofern: Die Einbindung von Twitter in Form einer Twitterwall als weiteren “virtuellen Impulsgeber” würde ich im Rahmen von Podiumsgesprächen, wie wir sie kennen, außen vor lassen.
  • Es sei denn, man inszeniert die Idee Podium völlig neu und stellt den Gedanken der Partizipation “von außen” in den Vordergrund, z.B. mit weniger ExpertInnen, mit noch mehr Twitteraktivitäten als Impulsgeber und einer Moderation, die alle Ebenen selbstständig händelt. Es könnten z.B. zwei ExpertInnen ins Gespräch kommen und dann bewusst gemeinsam auf die vielfältigen Impulse aus dem Publikum oder “ganz von außen” eingehen.
  • Man sollte sich vorab die Frage stellen, worum es einem bei einem Podiumsgespräch oder einer -diskussion geht: um das öffentliche gemeinsame Expertengespräch oder die Partizipation an diesem und welche Bedingungen in welchem Fall erfüllt sein müssen.

Doch wie soll man sich an etwas beteiligen, wenn es sich vielleicht auf Grund zu vielfältiger Impulse gar nicht erst entfalten kann?

Weitere Tagungsrückblicke und -einschätzungen sowie Diskussionen von einzelnen Aspekten im Kontext der Campus Innovation 2009 sind u.a. bei Ilona Buchem, Jochen Robes, Frank Vohle und  Gabi Reinmann zu finden.

[Nachtrag:] Die Aufzeichnungen der Vorträge sind hier zu finden.

Thema: Reflexion, Veranstaltung | Kommentare (11) | Autor: mayrberger

Eindrücke zur eLearning 2009 in Berlin

Freitag, 18. September 2009 11:13

In den vergangenen Tagen fand die gemeinsame Tagung E-Learning 2009 der GMW und der DeLFI in Berlin an der FU statt – allerdings habe ich mich in erster Linie als Teilnehmerin bei der GMW gesehen und mich vorwiegend in den dortigen Tracks aufgehalten.

Insgesamt bin ich gestern mit einem guten Gefühl von der Tagung weg gefahren – es war im positiven Sinne anstrengend und das ist ja immer ein gutes Zeichen. Das mag vor allem an den vielfältigen Beiträgen und anregenden Gesprächen mit KollegInnen gelegen haben.
Dennoch war ich auch ein wenig überrascht, dass sich zum Thema “eLearning 2.0″ - zumindest im Rahmen der Sessions, in denen ich war - zur Zeit natürlich etwas tut (wie man auch schon in den Beiträgen auf der letzten GMW-Tagung in Krems sehen konnte), aber wichtige Fragen nach wie vor als Herausforderungen beschrieben werden und kaum Zeit blieb, hier tiefer einzusteigen bzw. keiner der Vorträge, denen ich beiwohnte, sich der Herausforderung einer möglichen Antwort angenommen hat, um hieran weiter zu diskutieren. Dabei denke ich einmal an die Diskussion um Begriffe wie “eLearning” oder eben auch “eLearning 2.0″, an der sich sehr gut die unterschiedlichen und individuellen Perspektiven auf das Thema, aber auch “unser” Selbstverständnis von z.B. “Lehren und Lernen mit (neuen/digitalen) Medien”, “computerunterstützes Lernen” oder “technology enhanced learning” aufzeigen ließen. Die andere Frage – die mich auch gerade persönlich umtreibt – ist die nach der Passung der (eher informellen) Web 2.0-Idee in (eher formale) Lehr- und Lernkontexte. Hier wurden entweder implizit Anregungen gegeben oder  die Passung grundsätzlich auf Basis von aktuellen Nutzungszahlen von Web 2.0-Angeboten durch Jugendliche und Studierende in Frage gestellt. Zu der Frage dieser Passung wird es hoffentlich auf der kommenden GMW 2010 in Zürich mehr geben – zumindest ich fühle mich motiviert, dazu einen Beitrag zu leisten ;-)

Zudem habe ich im Rahmen dieser Tagung das erste Mal als “Grenzgängerin” erlebt, d.h. einerseits klassisch den Beiträgen vorne am Mikrofon zu folgen und parallel auch dem Geschehen im Netz via twitter (#bel09) Beachtung zu schenken und mich ebenfalls zu beteiligen. Das war eine sehr spannende Erfahrung, da beides seine Faszination hat und natürlich auch dazu führt, dass man sich phasenweise auf selektive Wahrnehmung und Multitasking einlassen muss, wenn man sich an den unterschiedlichen Kommunikationssettings beteiligen will (grob unterteilt in “Präsentation (mit Nachfragen)”,”virtueller Austausch” und “Face-to-Face-Gespräche” dazwischen). Dass es diese Ebenen im Rahmen der Tagung zwar gab wurde zwar durch das Vorhandensein einer Twitterwall transparent gemacht und zum Schluss mehrfach festgestellt – gerne auch mit Verweis auf die “jüngere Generation”, wobei ein Blick auf die Statistik zeigt, dass sich die Top 10 durchaus aus Frauen und Männern unterschiedlicher Altersgruppen zusammensetzt, aber eine Verbindung zwischen den Ebenen wurde noch nicht realisiert. Für kommende Tagungen wäre es m.E. hier auch sinnvoll vorab zu klären, welche Bedeutung dem Twittern beigemessen wird: Soll es eher einen zusätzlichen, illustrativen Charakter (nach innen und außen) haben oder phasenweise auch mit einbezogen werden? In diesem Zuge wäre es vielleicht auch eine Überlegung, sich auf eine “twitter etiquette” für diesen Kontext zu einigen, in dem traditionelle Tagungssettings gerade erst dabei sind, sich für neue Ideen zu öffnen – auch wenn es im Widerspruch zur Twitteridee stünde.

Weitere Eindrücke zur der Tagung geben Gabi Reinmann, Michael Kerres und Mandy Schiefner mit Matthias Rohs sowie Joachim Wedekind. Bilder von der Tagung finden sich u.a. auf der Tagungshomepage.

Nachtrag [20.09.09]: Der Tagungsband kann als PDF-Dokument beim Waxmann-Verlag hier heruntergeladen werden.

Nachtrag [22.09.09]: Überblick über die Rückblicke

Thema: Reflexion, Veranstaltung | Kommentare (9) | Autor: mayrberger