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Rückblick auf mein “Mitmachseminar zum Mitmachnetz”

Mittwoch, 16. Februar 2011 7:24

Zu Beginn der Vorlesungszeit hatte ich hier einen Einblick in mein “Mitmachseminar zum Mitmachnetz” gegeben (offiziell: Web 2.0 aus medienpädagogischer Perspektive), das in Kooperation mit dem Seminar “w.e.b.Square - wissenschaftliches Publizieren im Netz” an der Uni Augsburg stattfand und dort von Sandra Hofhues und Tamara Ranner angeboten wurde (vgl. Sandras und Tamaras Rückblick).

Für mich als Lehrende ist es eine sehr spannende Erfahrung, da ich
unterschiedliche Ansprüche erfüllen will/muss: Ein Seminar mit
partizipativem Anspruch zu gestalten, das qualitativ hochwertige
Produkte  befördern soll, angemessen viele Web 2.0-Tools zur Erprobung
einbindet, aber auch
eine Einführung in das Thema für Studierenden mit unterschiedlichen
Voraussetzungen und Vorerfahrungen im Bereich der Medienpädagogik
darstellt. Für mich, die ihre Sitzungen in der Regel gerne im Voraus
plant, ist es eine besondere Herausforderung die Gruppen mit maximalem
Vorschuss für ein partizipatives Lernen im Rahmen der Lernumgebung
“laufen zu lassen” und ad hoc bedarsorientiert Impulse zu geben – quasi
ein Selbstversuch ;-)

Die Erfahrungen, die ich dann im Laufe des Semesters machen konnte, waren - abgesehen vom verhältnismäßig hohen Organisationsaufwand, den dieses Seminar beanspruchte – sehr motivierend.

Die 12 Studierenden, von denen ein Drittel “nur” aus Interesse teilnahm und keinen Leistungsnachweis mehr benötigte, haben in Kleingruppen insgesamt an 5 Projektkonzeptionen zu einem medienpädagogischen Projekt unter Berücksichtigung von Web 2.0-Tools und -Themen ausgearbeitet und theoretisch bzw. konzeptionell begründet: “Aktive Medienarbeit im Kindertageszentrum - Filmproduktion als bildende Kommunikation”, “Web 2.0 Coaching für Eltern – Was macht mein Kind im Internet?”, “Weiterbildung 2.0″, “Digitale Spaltung“ (Schwerpunkt Sonderpädagogik), “Selbstdarstellung in Social Networks unter dem Aspekt des Datenschutzes. Am Beispiel von Facebook”.
Während die Projektideen sich zu Beginn des Semesters langsam formten und die Konzepte bis Weihnachten in einer ersten Fassung entstanden sind, haben wir uns parallel im Seminar u.a. mit Themen wie Medienkompetenz und Medienbildung, Mediennutzung und -sozialisation und der Frage nach den Chancen Grenzen von Selbstorganisation im Web 2.0 beschäftigt. Dieses war insofern für mich spannend, da die Studierendengruppen ihre Projektthemen im Rahmen der relativ breiten Vorgabe (Projektkonzept zum Einsatz/zur Thematisierung von Web 2.0 in der medienpädagogischen Praxis) komplett selbst wählen konnten. Die theoretischen Bezugsrahmen, die für alle Projekte von Interesse waren, wurden gemeinsam thematisiert, spezifische Ansätze wie z.B. die aktive Medienarbeit projektspezifisch angegangen. Letztlich war die Qualität des Produkts “Projektkonzept” eine leitende Prämisse. Hier lag auch neben einem “echten” Web 2.0-Erlebnis für die Studierenden der Ansatzpunkt in der Kooperation mit dem Seminar der Uni-Augsburg. Denn die Studierenden hatten (und das war für mich wie die Mainzer Studierenden neu) noch im Semester die Aufgabe, nach einem Reviewprozess über Weihnachten, der durch die Studierenden der jeweils anderen Uni und durch die jeweils zuständigen Lehrenden erfolgte, zu überarbeiten. Die beiden Projekte, die am stärksten überzeugen konnten, waren virtuell mit ihren Beiträgen zu Gast auf der diesjährigen 4. w.e.b.Square-Tagung mit dem Motto “Bologna 2011. Eine kritische Bilanz aus Studierendensicht”. Letztlich erhielten alle Mainzer Gruppen die Möglichkeit, ihr Projektkonzept für die Tagungsausgabe der Online-Zeitschrift “w.e.b.Square” vorzunehmen, was letztlich drei Mainzer Projekte auch wahrgenommen haben. Für mich hat dieses Element der Lehrveranstaltungen noch einmal gut gezeigt, dass man gerade in projektbezogenen Seminaren auch in der akademischen Lehre nicht nur auf das “akademische Endprodukt” für den Leistungsnachweis schauen sollte. Vielmehr ist es für alle Beteiligten gewinnbringend, wenn es über die üblichen Abschlusspräsentationen durch Vorträge hinaus eine angemessene interne (z.B. gemeinsame Seminarpublikation als Wiki oder “nur” PDF) oder öffentliche Form der Sichtbarmachung gibt – auch wenn es den Aufwand deutlich erhöht, der dann entsprechend einzukalkulieren ist.
Besonders spannend war für mich die technisch basierte virtuelle Vernetzung der beiden Seminare mit Hilfe eines virtuellen Klassenraums (hier: Adobe Connect). Für die Studierenden war es überwiegend neu, “von zu Hause” an zwei virtuellen Sitzungen im Seminar teilnehmen zu können. Die Sicherheit im Umgang mit dem virtuellen Klassenraum stieg zunehmend, z.B. bei den Mainzer Studierenden auch zusätzlich dadurch, dass wir dieses Werkzeug kurzfristig in einer Präsenzsitzung nutzten, als der Beamer ausgefallen war und so alle zumindest auf ihren Laptops einer Präsentation folgen konnten und zugleich auf rechtlicher Ebene eines “Moderators” im Kurs tätig waren. Gerade zur w.e.b.Square-Tagung in Augsburg zeigte sich aber das Merkmal der Ortsunabhängigkeit noch einmal sehr schön: Die Augsburger Studierenden waren bei “ihrer” Tagung vor Ort im Hörsaal, die beiden Referent/innengruppen aus Mainz saßen als Gruppe vor ihren Rechnern in ihren Privatwohnungen/WGs in Mainz und ich selbst war von Hamburg aus virtuell zugegen. Zu den Mainzer Vorträgen wurden wir mit Bild, Ton und Präsentation in den Hörsaal geschaltet und im Anschluss fand mit leichter Verzögerung sogar eine kurze Fragerunde statt (quasi eine “grüne Teilnahme”). Zeitgleich wurde die gesamte Tagung per Videostream öffentlich übertragen und begleitend getwittert (#websquare). Technisch ist das alles nicht neu, aber das technische Arrangement selbst zu organisieren und zu erleben war doch neu und nicht nur für die beteiligten Studierenden, die ihre Sache großartig gemeistert haben, recht aufregend. ;-)

Die Evaluation zum Schluss des Seminars in Mainz hat mir bestätigt, dass es für die Studierende ein erkenntnisreiches und erfahrungsreiches Seminar war, in dem sie sich medienpädagogisches Wissen erarbeitet, Kompetenzen erworben und eine begründete Position zum Web 2.0 gebildet haben – und das ist letztlich die Hauptsache. Besonders schön ist es zu wissen, dass zwei der entwickelten Projektkonzepte von den Studierenden noch in der Praxis umgesetzt
werden: eines im Rahmen einer regulären Tätigkeit im medienpädagogischen Bereich, das andere als komplett selbstorganisiertes Projekt der Studierendengruppe.

Dem Aspekt der “Vernetzung” werden wir drei Dozentinnen an andere Stelle weiter nachgehen.

Eigentlich hatte ich in diesem Wintersemester geplant, mich in Sachen Lehre “etwas zurück zu halten” und mehr Energie in Forschung(-santräge) und Publikationen zu stecken. “Eigentlich” … – für mich kann ich nur sagen, dass ich wichtige und gute Erfahrungen in dieser Lehrveranstaltung sammeln konnte, die mir zudem noch wertvolle Erkenntnisse für anstehende Publikationen zum partizipativen Lernen eröffnet haben. Insofern war es in jeder Hinsicht ein lohnenswertes Lehrprojekt, zugleich ein schöner Selbstversuch und eine tolle Kooperationserfahrung. :-)

Thema: Erfahrung, Lehre & Studium, Reflexion | Kommentare (0) | Autor: mayrberger

Der Stein ist ins Rollen gebracht …

Montag, 26. April 2010 15:05

Die ePortfolio-Arbeit ist in den letzten Jahren im Bereich des akademischen eLearnings schon fast zu einem Trendthema geworden. Seit fast zwei Jahren beschäftige auch ich mich aus mediendidaktischer Perspektive näher mit dieser Thematik, weil sicher in der Auseinandersetzung damit zugleich zentrale Fragestellungen zum veränderten Lehren, Lernen und Prüfen “im Sinne von 2.0″ gut untersuchen lassen.

Im letzten Wintersemester (2009/10) habe ich das erste Mal selbst mit ePortfolios in der alltäglichen akademischen Lehre in der Medienpädagogik gearbeitet, d.h. in einem eher “klassischen” Mittelseminar, zu einem eher “klassischen” Thema (”Ansätze von Medienkompetenz und -bildung”), mit regulären Studierenden (Diplom/Magister) im Hauptstudium unter den üblichen universitären Bedingungen (in der Regel wöchentliche Seminarsitzungen; zusätzliche Einbindung der universitären Lernplattform; Vergabe von “Scheinen” zum Schluss der Veranstaltung), etc. Einige der Studierenden haben freiwillig als alternative Form des Leistungsnachweises ein ePortfolio in Form eines Weblogs (mit Wordpress) zum Thema geführt. Die (medien-)didaktischen Erkenntnisse aus diesem ersten Durchlauf sowie die Ergebnisse der kleinen explorativen Studie, die ich begleitend durchgeführt habe, verschriftliche ich gerade systematisch und werde diese auch im Rahmen meines Vortrags auf der kommenden ECER-Konferenz in Helsinki vorstellen.

In diesem Seminar konnte ich wichtige Erfahrungen für die Gestaltung von Lernumgebungen mit ePortfolios als alternative Methode der Leistungsbewertung machen. Als wesentliche Punkte haben sich für mich die folgenden herauskristallisiert, die m.E. alle sehr stark mit einer klaren und für die Studierenden nachvollziehbaren Struktur des didaktischen Szenarios zusammenhängen:

  • Rolle der Lehrenden als Lernprozessbegleiterin und -prüferin
  • Festlegung von Lern- und Bewertungsphasen
  • Betreuung
  • Verbindlichkeit
  • Wertschätzung
  • Offenheit & Neugierde
  • Freiheit für Schwerpunkte/Interessen der Studierenden
  • Form, Funktion sowie Quantität und Qualität von “Artefakten” (Wahl- und Pflichtbeiträge)
  • Transparenz
  • Mehrarbeit (muss als Mehrwert ersichtlich sein)
  • Technik

Diese ersten Erfahrungen konnte ich jetzt in die Implementierung der ePortfolio-Arbeit in den kompletten Studienschwerpunkt Medienpädagogik im BA Erziehungswissenschaft der Universität Mainz einbringen und weiter entwickeln. In diesem Semester haben knapp 20 Studierende Medienpädagogik als vertiefende Studienrichtung als eine von fünf für die letzten 3 Semester in ihrem BA-Studium gewählt. Sie werden in diesem Schwerpunkt auch ihre BA-Arbeit verfassen, worauf das ePortfolio vorbereitet und hinführt.

Der Rahmen für die Einführung der ePortfolio-Arbeit ist hier relativ günstig, da zeitgleich eine Restrukturierung von Lehre in BA-Studiengängen am Beispiel dieser Studienrichtung erprobt wird. Dieses geschieht im Rahmen des Projekts “ZeitLast“. Wir sind insgesamt vier Lehrende (Stefan Aufenanger, Petra Bauer, Lena Groß und ich), die ihre vier Lehrveranstaltungen gemeinsam geblockt haben und dieses Semester zusammen gestalten. Grob sieht das Szenario so aus, dass es zwei feste Präsenztermine in der Woche mit dazwischen liegenden Selbststudienphasen gibt. Die Studierenden nähern sich einerseits projektorientiert der medienpädagogischen Praxis, andererseits erarbeiten sie sich in Phasen auch theoretische Zusammenhänge. Von uns Lehrenden wird jeweils eine thematische Phase gestaltet (Mediensozialisation, Medienkompetenz u. -bildung, Medienerziehung u. -praxis sowie zur Forschung); zusätzlich gibt es gemeinsame Termine für alle – wie in einem Workshop, nur über einen längeren Zeitraum ;-).
Das ePortfolio (in Form eines Weblogs mit Wordpress erstellt) soll eine Art “persönlicher roter Faden” auf Seiten der Studierenden über die unterschiedlichen Themenphasen hinweg darstellen. Von Seiten der Lehrenden wird das Semester über einen gemeinsamen Kurs auf der Onlineplattform “moodle” gestaltet.
Die Betreuung durch uns Lehrende im Rahmen des Studienschwerpunkts erfolgt im Sinne eines Mentorenprinzips, d.h. jede/r von uns betreut eine kleine Gruppe von Studierenden über das ganze Semester. Daneben soll es Phasen des Peer-to-Peer-Tutoring und ein Tandemprinzip geben.

Letzten Donnerstag habe ich den Studierenden unsere Idee der ePortfolio-Arbeit vorgestellt und erläutert und Sie wurden von einer Tutorin in die Arbeit mit Wordpress eingeführt. Im Moment richten Sie ihr ePortfolio ein und schreiben am ersten Beitrag.

Zielvorstellung ist, dass die Studierenden des Schwerpunkts Medienpädagogik mit Hilfe Ihres ePortfolios gezielter ihren inhaltlichen Platz in der Medienpädagogik bzw. ihren Schwerpunkt finden können. Studiengangsbezogen bestehen die Erwartungen u.a. darin, dass sich die Studierenden über Zwischenschritte und Umwege bewusst(er) auf ihr Praktikum und ihre BA-Arbeit vorbereiten können, schon frühzeitig ihren Interessen folgen können und damit insgesamt motivierter und erfolgreicher studieren.

Die nächsten Wochen werden zeigen, inwiefern sich unsere Erwartungen erfüllen und wohin die Entwicklungen gehen werden …

Thema: Ideen & Konzepte, Lehre & Studium | Kommentare (3) | Autor: mayrberger