Tag-Archiv für » Medienerziehung «

“… jetzt ist mir klarer, wie Sie das mit dem Gestaltungsbegriff meinen.”

Sonntag, 7. November 2010 19:49

… solche und ähnliche Äußerungen waren im Laufe der Herbsttagung der Sektion Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZ), die es sich zum Auftrag gemacht hat, “Medienbildung im Spannungsfeld medienpädagogischer Leitbegriffe” zu diskutieren, zu hören. Und diskutiert wurde in der Tat - viel und vor allem theoretisch, was ich sehr bereichernd fand. Dazu ein kurzer Rückblick meinerseits:

Als Leitbegriffe wurden Mediendidaktik, Media Literacy und Medienerziehung ins Programm der Tagung aufgenommen. Dieses Mal konnte man sich schon vorab ausführlicher mit den Positionen der Referent/innen (hier) auseinandersetzen, die im Zuge der Tagung nur als kurze Impulse vorgetragen wurden, damit genügend Raum für gemeinsame Diskussionen blieb.

Natürlich wurde auch die Frage thematisiert, was eigentlich ein Leitbegriff der Medienpädagogik sei und ob dieses für alle die genannten Begriffe gelte. Relativ einig war man sich darin, dass Medienpädagogik das Dach bilde, was m.E. besonders im Zuge der immer wieder geführten Diskussion um das Verhältnis von Medienpädagogik und Mediendidaktik ein wichtiger Schritt ist. Gerhard Tulodziecki zeigte in seinem Impuls (und seinem sehr lesenswerten Beitrag) die Entwicklung der Leitbegriffe auf und stellte nebenbei fest, dass der Begriff der Medienkompetenz gar nicht zuerst von Dieter Baacke genutzt wurde. So manche Verbindung zwischen den Begriffen und Konzepten ist mir auf Grund der spezifischen Positionen der Kolleg/innen noch einmal in neuem Lichte erschienen. Dazu gehört z.B. der Zusammenhang von Medienbildung und Mediendidaktik im Sinne eines “Lernen mit Medien über Welt”, wofür es entsprechende Lernumgebungen bedarf. Aufschlussreich war es, einmal ausführlicher über den Zusammenhang von Medienbildung, Medienerziehung und Medienpädagogik als Handlungswissenschaft und die Rolle von Normen und Werten zu diskutieren. Gerade im Zuge der Diskussion um den Leitbegriff hat Dominik Petko darauf hingewiesen, dass sich die Medienpädagogik insgesamt und die Mediendidaktik im Besonderen vermehrt den Wirkungen und deren Evaluation zuwenden müsse, also mehr empirische Arbeit zu leisten wäre, was zwar keine neue Forderung ist, im Kontext dieser Tagung aber sehr gut platziert war. Dem kann ich nur zustimmen, wobei ich mich sicherlich eher den experimentierenden, denn den experimentellen Forschungsdesigns verbunden fühle. Wichtig war für mich noch einmal das Einvernehmen darüber, dass die Medienpädagogik als Handlungswissenschaft theoretisch, empirisch und praktisch einen Beitrag zu leisten habe – auch wenn im Rahmen dieser Tagung zugegebenermaßen das Theoretische die Überhand hatte. Damit sind nur einige Punkte genannt, die im Laufe der zwei Tage angesprochen wurden. Für die weitere Diskussion finde ich den Hinweis von Gerhard Tulodziecki wichtig, der sinngemäß darauf hinwies, die Begriffe weiterhin in einem Spannungsfeld zu halten und sie nicht schon jetzt als gegensätzlich oder komplementär festzuschreiben.

Im Zusammenhang der Tagung tauchte häufiger der Verweis auf die Begriffsverwendungen (besonders von Medienkompetenz und Medienbildung) innerhalb der Fachcommunity und außerhalb dieser in Praxis und Politik auf. Den Diskussionsteilnehmenden war sicherlich klar, dass die hoch differenzierenden Diskussionen nicht in erster Linie für die konkrete Praxis relevant sind und es hier eher um eine Diskussion um “Drinnen-Begriffe” statt “Draußen-Begriffe” ging. Doch darin sehe ich gerade die Herausforderung und Leistung in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Medienpädagogik für die unterschiedlichen medienpädagogischen Praxen: Ich will selbst ein klares Theoriegerüst haben, das sich eben in solchen Diskussionen wie die erlebte festigt, erweitert und verändert, um dann für die Praxis die entsprechenden Reduktionen vornehmen und die Anliegen der Medienpädagogik verständlich machen zu können.

Insgesamt war es eine sehr schöne und im positiven Sinne anstrengende Tagung im herbstlich, sonnigen Zürich (Danke an Heinz Moser und sein Team für die hervorragende Organisation und das Aufnehmen dieser Thematik als Tagungsthema!). Besonders gelungen war die Mischung der Teilnehmenden: Die knapp 40 Personen setzten sich zusammen aus allen Altersgruppen und Generationen von wissenschaftlich arbeitenden Medienpädagog/innen (vom Emeritus, der die Disziplin wesentlich mitgeprägt hat bis zur Doktorandin), so das ein intensiver fachlicher und persönlicher Austausch in konstruktiver wie kontroverser Atmosphäre möglich war. Ein besonderer Dank geht von mir an Dieter Spanhel und Gerhard Tulodziecki, die mit ihren lang ausgereiften Positionen und Überzeugungen die Diskussion immer wieder neu beflügelt haben. Für mich war es eine medienpädagogische “Sternstunde”, die mir wichtige Impulse für die weitere Auseinandersetzung mit medienpädagogischen Fragestellung besonders mit Fokus auf die Gestaltung von Lehr- und Lernumgebungen mit digitalen Medien gegeben hat.

Einige der Impulse werde ich noch ganz konkret in diesem Semester in die Blended-Learning-Vorlesung “Einführung in die schulische Medienpädagogik” und im Teil Medienbildung der Vorlesung “Lebenslanges Lernen und Medienbildung”, die ich mit meiner Kollegin Regina Egetenmeyer zusammen gebe, aufnehmen. Darin sehe ich meinen Beitrag, die Theoriediskussion auch für die Praxis von angehenden Lehrer/innen und Medienpädagog/innen fruchtbar zu machen.

[Für weitere Tagungseindrücke und -reflexionen sei auf die Beiträge von Benjamin Jörissen, Joachim Wedekind, Mandy Schiefner (Tag 1 und Tag 2), Michael Kerres und Jürg Fraevel sowie Beat Döbeli Honegger verwiesen.]

Thema: Community, Position, Reflexion, Veranstaltung | Kommentare (7) | Autor: mayrberger

Wie umgehen mit der Freiheit im Netz?

Montag, 1. Juni 2009 23:35

Mit der Frage “Was darf das Internet”? wartete diese Woche DIE ZEIT auf. Mit Interesse habe ich mir wieder einmal Zeit für DIE ZEIT genommen und die dort geführten Kontroversen in dieser und der letzten Ausgabe um die (vermeintlichen) Freiheiten im Netz verfolgt. Dabei scheint vor allem der Artikel von Heinrich Welfing “Wider die Ideologen des Internets!” zur kontroversen Diskussion aufzufordern (vgl. die zahlreichen Kommentare zum Artikel selbst oder den ausführlichen Kommentar von Marcel Weiss zur unerträglichen Seichtigkeit der deutschen Internet-Debatte auf den ich über den Beitrag von Gabi Reinmann aufmerksam geworden bin).

Dass es sich bei der Frage nach den Grenzen der Freiheit im Netz nicht nur um eine intellektuelle Debatte handelt, sondern auch im medienpädagogischen Kontext dringend (weiter-)geführt werden sollte, hat mir eine anregende Diskussion verdeutlicht, die ich vorletzte Woche in Anschluss an einem Vortrag zum zur Medienkompetenzförderung im Kontext der Erziehungshilfe mit den ZuhörerInnen erlebt habe. Dort war in der Diskussion relativ schnell klar und das war eine sehr erfreuliche Erfahrung, dass Medienkompetenzförderung von Kindern und vor allem Jugendlichen auch in institutionellen Erziehungseinrichtungen oder -programmen eine wichtige Aufgabe darstellt.
Die Diskussion ging dann auch in Richtung der kritischen Themen, die sich nicht nur mit den vielen Chancen u.a. zur Emanzipation, Artikulation und Partizipation von Jugendlichen beschäftigten, sondern mit den Grenzen des Internets – und hier schwang weniger ein bewahrpädagogischer Tenor mit als vielmehr eine Spur Ratlosigkeit, wenn sich nach meiner Wahrnehmung in der Diskussion Fragen wie beispielsweise die Folgenden herauskristallisierten:

  • Wir als (medien-)pädagogische Fachkräfte können zwar Medienkompetenz fördern, doch wo gibt es auch rechtliche Grenzen (z.B. Jugendmedienschutz) im Netz, auf die wir uns beziehen können (z.B. Fotos oder Videos im Netz)?
  • Wie gehe ich mit den Konsequenzen dieser neuen und berechtigten Freiheit der Jugendlichen um (z.B. wo hört die Artikulationsfreiheit der Jugendlichen auf und beginnt die Verletzung von Persönlichkeitsrechten Dritter wie MitschülerInnen oder LehrerInnen?)
  • Wie kann ich einerseits den Möglichkeiten, die das neue Netz bietet, gerecht werden, aber andererseits auch meinem öffentlichen Erziehungsauftrag (d.h. pädagogisch motivierte Grenzen setzen)?
  • Gerade Online-Communities bieten den Jugendlichen neue, wichtige Erfahrungsräume, doch wie erlange ich Zugang zu dieser “Parallelwelt”, die Teil der aktuellen Lebenswelt der Jugenlichen darstellen? [In diesem Zusammenhang möchte ich auch gerne auf die anregende Kolumne "Lost in Communities" von Kai Hanke (merz 1/2009) hinweisen, der sich mit dem "Ausziehen im Netz" auseinandersetzt und die mir gerade heute wieder in die Hände fiel.]

Im Rahmen dieser Diskussion wurde für mich sehr deutlich, dass die Auseinandersetzung um die Grenzen des Netzes aus nicht nur aus der Perspektive des Subjekts hinsichtlich der Frage nach rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit Themen wie der “Zensur” zu sehen ist, sondern auch aus der Perspektive der Gesellschaft, hier vertreten durch ErzieherInnen mit öffentlichem und pädagogischem Auftrag. Hier erscheint mir daher eine wichtige Maßnahme zu sein, bestehende Informations- und Beratungsangebote zum Thema (z.B. bei “mediaculture-online” oder “Schau hin!“) noch deutlicher und breiter zu kommunizieren, um Unsicherheiten in der (medien-)pädagogischen Praxis vorzubeugen.

Thema: Fragen, Reflexion, Vortrag | Kommentare (0) | Autor: mayrberger